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Kollektiver Selbstmord

Gehirnwäsche, Enteignung, Freiheitsberaubung und systematische Entmündigung. Sektenforscher sind sich einig: Neben dieser Organisation nehmen sich Bhagwan, Mun und Scientology wie harmlose Schützenvereine aus. Die Rede ist von den weltweit operierenden Allamianern. Weitgehend unbemerkt von Öffentlichkeit und Medien hat die Sekte längst auch in Deutschland Fuß gefasst. Wer einmal Mitglied ist, bleibt dies zumeist lebenslang: Ein enges Netz von Spitzeln und Schergen sorgt dafür, dass Abtrünnige aufgestöbert und zur Strafe entweder eingesperrt werden oder saftige Bußgelder zahlen müssen. Prominente Sektenmitglieder wie Boris Becker können ein Lied davon singen. Auch eine Flucht ins Ausland hilft meist wenig, da die Allamianer in so gut wie jedem Land der Erde vertreten sind.

Im Ashram der deutschen Allamianer wird man unwillkürlich an Orwell erinnert: Alles ist strengstens reglementiert, und über die Einhaltung der Regeln wacht ein Heer von Sektenbütteln. Der Sittenkodex der Allamianer mutet ziemlich bigott an: Drogen sind zwar grundsätzlich verboten, doch bei Alkohol und Tabak wird eine Ausnahme gemacht – gegen einen Obolus in die allgegenwärtigen Klingelbeutel. Auch die Sexualmoral der Allamianer ist recht abstrus: Um Treue bei Paaren zu fördern und um einen günstigen Nährboden für den Sektennachwuchs zu schaffen, bekommen alle Paare auf Wunsch eine Art Freibrief, der sie von einem Teil ihrer Zwangsabgaben entbindet. Schwedische und einige amerikanische Allamianer gehen sogar noch einen Schritt weiter: Männer, die Liebe gegen Geld kaufen, werden dort öffentlich an den Pranger gestellt und bestraft.

Dass die Sekte gerade in Deutschland so unauffällig operieren kann, liegt wohl erstens an ihrer geschickten Verschleierungspropaganda und zweitens an ihrer raffinierten Mitgliederstruktur. Es finden sogar regelmäßig allgemeine Wahlen statt, doch dabei kommt stets das gewünschte Ergebnis heraus, denn es profitieren immer zwei Drittel der Sektenanhänger von diesem System. Deshalb sieht das Gesellschaftsmodell der Allamianer auch eine Dreiteilung vor. Das erste Drittel besteht aus den „Bütteln“. Sie sorgen für die Einhaltung der Sektenregeln, treiben die Schutzgelder ein und indoktrinieren die übrigen Mitglieder. Um ihre Existenz zu legitimieren, erfinden sie immer neue Aufgaben für sich selbst und stellen immer neue Regeln auf.

Das zweite Drittel sind die sogenannten „Arbeiter“: Handwerker, Unternehmer und deren Angestellte, also der produktive Teil der Sekte. Sie werden monatlich von den Bütteln teilenteignet. Das letzte Drittel besteht aus den „Drohnen“, das sind von der Sektenführung an Produktion und Eigenvorsorge gehinderte Mitglieder wie Rentner und Arbeitslose sowie Arbeitsscheue und Arbeitervertreter. Die Büttel alimentieren die Drohnen aus enteigneten Arbeitergeldern. Als Gegenleistung wählen die Drohnen stets die Kandidaten der Büttel. Da die Büttel selbst wahlberechtigt sind, entsteht bei den Wahlen immer eine komfortable Mehrheit für dieses Umverteilungssystem. Und auch die meisten Arbeiter finden sich damit ab, da die religiöse Gehirnwäsche der Büttel gut funktioniert.

Das Glaubensbekenntnis der deutschen Allamianer besteht laut Sektenchef Otto Estado aus den zwei heiligen Säulen „Soziale Gerechtigkeit“ und „Demokratie“. „Soziale Gerechtigkeit bedeutet, dass es keinem Sektenmitglied wesentlich besser gehen darf als einem anderen, egal wie fleißig, wie schlau oder wie kreativ es ist“, so Estado. Nach diesem Credo wird den Arbeitern, denen es ohne Büttel und Drohnen viel besser gehen würde, der sozial ungerechte Teil ihres Verdienstes abgenommen, damit auch Bütteln und Drohnen Gerechtigkeit widerfährt. Die zweite Säule „Demokratie“ besagt, dass die Mehrheit der Allamianer immer recht und die Zweidrittelmehrheit absolut recht hat. Um Wahlfreiheit zu suggerieren, wenden die Büttel einen perfiden Trick an: Sie stellen verschiedene „Parteien“ auf, die sich zwar geringfügig in ihrer sozialpopulistischen Ausprägung unterscheiden, das Sektensystem selbst aber nicht in Frage stellen dürfen.

Viele Sektenforscher sind zwar alarmiert, sehen aber auch schon das Ende der deutschen Allamianer kommen. Wie andere Endzeitsekten auch, führen die Allamianer ihren Untergang selbst herbei, wie das russische Ex-Mitglied Vladimir Deržavin prophezeit: Da immer mehr Arbeiter aus Bequemlichkeit zu den Bütteln und Drohnen wechseln, nehmen Produktivität und Wohlstand in zunehmendem Maße ab. Die Folge ist, dass die restlichen Arbeiter noch mehr geschröpft werden und dadurch immer weniger motiviert sind, für die Sekte überhaupt noch etwas zu tun. Schließlich werden die Allamianer vor der Alternative stehen, ihr Dasein in todbringender Armut und Sklaverei zu fristen, oder aber die Macht der Büttel radikal zu beschneiden.

Der Ursprung der Allamianer liegt im Dunkel der Geschichte. Bereits Platon soll überzeugter Allamianer gewesen sei, ebenso wie Bismarck, Bsirske, Marx, Lafontaine und andere Sozialpopulisten. Der Name „Allamianer“ kommt möglicherweise aus dem Ungarischen und leitet sich vom Wort „állam“ ab, was so viel bedeutet wie „Staat“.

© David Schah
( zuerst erschienen Dezember 2002 in "eigentümlich frei")

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

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