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Du isst was Du bist
von Henning Helmhusen

Unlängst war ich in Kassel bei Freunden zu Besuch. Wir hatten uns eine Weile nicht gesehen, und so hatte ich etwas den Anschluss verloren, was in jener Metropole angesagt ist, die so oft den Ton in Deutschland angibt.

Als es ans Essen ging, überraschten mich meine Gastgeber: „Bei uns um die Ecke hat ein carnetarisches Restaurant eröffnet: die „Haxe“. Wir gehen sehr häufig hin und haben mittlerweile unsere gesamte Ernährung umgestellt. Uns geht es seitdem saugut.“ Ich wusste nichts damit anzufangen und fragte zurück. Die Antwort war noch rätselhafter: „Wir sind nicht so abgedrehte Carnaner. Wir sind Carnetarier!“

Ich ließ mir nichts anmerken, und wir gingen dann. Das Essen in der „Haxe“ war für meine Begriffe gutbürgerlich mit Gyros, Schnitzel und allerlei Schlachtplatten. Allein der Wirt schlug meine Bitte um Pommes Frittes als Beilage etwas barsch aus. Solchen „Fraß“ sollte ich mir beim McDonald’s kommen lassen. Nach Frankfurt zurückgekehrt, versuchte ich mehr herauszufinden. Freunde und Bekannte waren leider keine Hilfe. Von carnetarischen Restaurants hatte hier noch niemand etwas gehört, und auch mein Lexikon wußte nichts. In den großen Bibliotheken wurde ich dann endlich fündig.

Der Carnetarismus ist eigentlich gar kein neuer Trend. Vielmehr reichen seine Wurzeln bis in die graue Vorzeit zurück. Eine eigenständige Bewegung wurde er aber erst durch Hermann Gustav Gustloff (übrigens einen Großonkel unseres Namenspatrons). Als vollständiger Autodidakt betrieb er seine ernährungswissenschaftlichen Studien neben seinem „Broterwerb“ als Gehilfe in einem Schlachthaus.

Um 1890 kam er durch eine Fehlübersetzung aus dem Sanskrit zu der Schlußfolgerung, dass gewisse Yogi ihr extrem hohes Lebensalter einer reinen Rindfleischdiät verdankten. Das stachelte ihn zu weiteren Untersuchungen an. 1895 brach Hermann Gustav Gustloff dann zu einer Ein-Mann-Expedition nach Alaska auf. Er kehrte mit erstaunlichen Berichten von über 200jährigen Eskimos zurück, die in ihrem Leben noch nie eine Pflanze gesehen, geschweige denn gegessen hatten.

Beflügelt durch diese bahnbrechenden Erkenntnisse baute Hermann Gustav Gustloff seine eigene Ernährungslehre auf, die er in ein umfassendes System mystischer Welterkenntnis einbettete: den Carnetarismus. Der Weg zu einem langen und erfüllten Leben führe über den Verzicht auf jegliche pflanzliche Ernährung und am besten eine reine Fleischkost.

Noch zu Lebzeiten konnte Hermann Gustav Gustloff für seine Lehre mehrere Anhänger gewinnen, so z. B. nach über zehnjähriger Überzeugungsarbeit und kurz vor ihrem Tod seine Frau Isolde Gustloff-Vogts. Sein Privatleben war leider von Tragödien gezeichnet. So verstarben die drei carnetarisch aufgezogenen Kinder schon früh auf für ihn unerklärliche Weise. Als er 1910 selbst im Alter von 43 Jahren dahinschied, erlitt der Carnetarismus einen Rückschlag, von dem er sich lange Zeit nicht mehr erholen sollte.

Erst in den 60er Jahren nahm die Bewegung von den USA aus einen neuen Aufschwung. Die Lawine ins Rollen brachte ausgerechnet die rigoros vegetarische „American League of Vegetables“. Eigentlich als Abschreckung gedacht, veröffentlichte sie 1967 das Werk Hermann Gustav Gustloffs „Die Fleischeslust“ („The Carnal Pleasure“). Die große Resonanz kam völlig unerwartet. Und noch unerwarteter war die Richtung, die sie nahm:

Landesweit schossen carnetarische Lesezirkel aus dem Boden. Mit Kränzen aus Chicken-Wings im Haar zogen junge Leute in die Fleischmetropole Chicago, um den Klängen engagierter Musiker wie der „Meatles“ oder eines „Captain Beefsteak“ zu lauschen. Fleischbewegte Hippies gründeten unter der Parole „Where’s the beef?“ Landkommunen, in denen sie die neue Lebensweise praktizierten. Dabei kam es auch zu manch skurrilen Blüten, wie etwa dem Versuch, Kühe zu Fleischfressern „umzuerziehen“, die heute leider immer noch etwas das Bild des Carnetarismus in der Öffentlichkeit bestimmen.

Auf dem Umweg über die USA kehrte der Carnetarismus dann endlich auch wieder in das Land seiner Entstehung zurück. Organisationen wie „Pflanzenversuche Stopp!“, „Robin Meat“ oder „Plantpeace“ nahmen ihren Anfang und erfreuten sich ab den späten 70er Jahren eines regen Zuspruchs gerade von jungen Leuten, die sich im Angesicht von Müsli, pflanzlicher Rohkost und Tofu nach einer natürlichen Lebensweise sehnten.

Langsam differenzierte sich auch die Bewegung aus: Radikale Carnetarier machten mit „Pflanzenbefreiungen“ von sich Reden, wobei sie Zäune um Gärten und Felder niederrissen. Es spalteten sich die „Carnaner“ ab, die sogar den Verzehr von nicht-fleischlichen Produkten wie Eiern und Milch ablehnten. Und unter den Carnanern kam es wieder zum Streit darüber, ob nicht der Verzehr von Pflanzenfressern gegen die reine Lehre verstößt.

Die Begründungen, die für den Carnetarismus vorgetragen werden, sind sehr vielfältig. Zum einen wird betont, daß sich Menschen in der Urzeit vorwiegend von Fleisch (Mammuts, Säbelzahn-Ozelots, usw.) ernährt haben und unsere Art deshalb nicht für eine pflanzliche Ernährung geschaffen ist. Das bewiesen auch die hohen Lebenserwartungen in den Industrieländern mit ihrem vermehrten Fleischkonsum.
Zum anderen ist aber auch das ethische Argument für den Fleischverzehr sehr verbreitet: Pflanzen seien unsere unschuldigen und wehrlosen Mitgeschöpfe. Tiere vergingen sich an ihnen, und deshalb sei es Aufgabe des Menschen, hier durch deren Verzehr dem Pflanzenmorden einen Riegel vorzuschieben. Insbesondere in Frankreich spielt dann noch die politische Begründung des Carnetarismus eine Rolle. Man möchte auf diese Weise seinen Protest gegen die Dominanz der Amerikaner auf dem Getreidemarkt zum Ausdruck bringen. In eine ähnliche Richtung ging auch die Kampagne „Leder statt Jute“, denn natürlich darf nie die Sorge um die Dritte Welt und die Natur fehlen.

Als mir all dieses klar wurde, änderte ich meine Ernährung auf der Stelle. Zwar sind die Alkoholika etwas eingeschränkt, im Wesentlichen auf Eierlikör, aber ansonsten muss man praktisch auf nichts verzichten. Tagelang ausgekochter Pansen kann Tofu ersetzen. „Schokoladenpudding“ gibt es aus frischgepressten Nierchen. Und mit Eiern und Käse lassen sich Fleischkartoffeln zaubern, die ihren pflanzlichen Vorbildern täuschend ähnlich sehen. Die Umstellung auf die neue Kost war also kein Problem für mich. Und nach nunmehr drei Wochen kann ich die Erfahrung meiner Kasseler Gastgeber nur vollauf bestätigen. Seitdem ich mich endlich gesund ernähre, fühle ich mich pudelwohl und hatte noch keine einzige Grippe.

Aus meiner eigenen Anschauung, aber auch aufgrund der erdrückenden Beweise kann ich die Lehren Hermann Gustav Gustloffs den Lesern dieses Blattes nur wärmstens ans Herz legen. Wenn Sie durch diesen Artikel auf den Geschmack gekommen sind, schauen Sie doch einfach mal in meinem neuen Restaurant „Carpe Carnem“ in Frankfurt vorbei. Ich freue mich, Sie dort mit der noch vom Gründervater stammenden Losung „Fleisch Heil!“ zu begrüßen.

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