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Ein Spekulant

von Julius Weil

Diese erstaunlich aktuell anmutende Novelle erschien 1887 in der von Julius Stettenheim (Chefredakteur des Satiremagazins "Berliner Wespen") herausgegebenen Zeitschrift "Das Humoristische Deutschland".

Er hatte in einer vom Staate verbotenen Lotterie nicht bloß gespielt, sondern auch gewonnen. Das erste ist bekanntlich straffällig, aber das zweite ist darum doch nicht minder schön. Als er daher die Nachricht erhielt, daß sein Los mit zehntausend Mark herausgekommen sei, bekam er einen solchen Freudenschreck, daß er sich niedersetzen mußte; denn die Beine zitterten ihm. Doch im nächsten Augenblick sprang er wieder auf, er vernahm deutlich eine drohende Stimme, welche also sprach:

"Oberlehrer Galle, paßt sich das für einen Erzieher der Jugend? Ist das die rechte Art, den Lehrerberuf zu üben, daß man die Gesetze des Staates übertritt?"

Es war die Stimme seines Gewissens.

Der Oberlehrer senkte beschämt das Haupt. Ja, er war ein Gesetzesverächter -- ein Verbrecher! Er, der sich unter keinen Umständen zu einem noch so einfachen Hausfriedensbruche hätte hinreißen lassen, der vor der Begehung der leichtesten Körperverletzung entsetzt zurückschreckte, ja der wiederholt mit harten Worten gegen den doch so harmlosen Schmuggel von Cigarren zum persönlichen Verbrauch als eine betrügerische Uebervorteilung des Staates geeifert hatte -- er hatte nun selbst gegen ein Strafgesetz gefrevelt und sogar einen unredlichen Gewinn daraus gezogen! Freilich mußte er sich sagen: Niemand ist geschädigt, weder der heimische noch der fremde Staat; auch verbietet die Moral an und für sich die Beteiligung an einer immerhin doch obrigkeitlich veranstalteten Lotterie nicht. Aber gleichviel: das Gesetz verbietet sie, folglich -- folglich beschloß er, allerdings unter Seufzen, das Geld zu nehmen. Wie heißt es doch im Virgilius, den er nun schon über ein Dezennium in der Sekunda traktierte?

Quid non mortalia pectora cogis,
Auri sacra fames!

Das Geld kam richtig an. Es waren lauter wohlerhaltene Reichsbanknoten von der angenehmen Spezies der Tausender. Oberlehrer Galle nahm die sauberen Drucksachen mit stiller Ehrfurcht zwischen die Finger und hielt sie prüfend an das Licht; es konnten ja falsche darunter sein. Aber es zeigte sich, daß sie alle echt waren. Darauf entfernte er sorgfältig von jeder einzelnen Note alle Falten, Runzeln und Kniffe, glättete sie mit zärtlicher Hand und legte sie fein säuberlich zusammen, eine genau auf die andere, dann sah er sie lange und innig an.

Welche Zauberkraft schlummert doch in diesen schmalen Papierstreifen! Ein Wort, und sie verwandeln sich in funkelndes Gold und blitzendes Silber! Ein Gedanke, eine Idee, und aus den Tausendern werden Hunderttausende, werden Millionen!

Dem Oberlehrer schwindelte. Er mußte seine Augen von den Banknoten abwenden. Aufgeregt ging er mehreremal im Zimmer auf und ab, von Zeit zu Zeit scheue Blicke auf sie werfend. Endlich packte er sie hastig in ein Couvert und verschloß sie in seinen Schreibtisch, das Geheimnis des gemachten Gewinns aber in seinen Busen, wo er am tiefsten war.

Niemand sollte etwas davon erfahren, selbst die Frau Oberlehrer nicht; denn Weiber sind indiskret wie die Postkarten. Ab und zu nur öffnete er verstohlen das Couvert und überzeugte sich von der Vollzähligkeit der Papierenen. Allein je öfter er sie betrachtete, desto nachdenklicher ward seine Miene. Sollten sie denn ewig hier liegen bleiben? Sollten sie, die bisher gewiß in der besten Gesellschaft geweilt, hier im einsamen Schreibtisch, unter Makulatur die einzig wertvollen Urkunden, ihr hoffnungsreiches Dasein vertrauern? Sollte man sie nicht auf Zinsen -- -- --?

Es war heraus, das verhängnisvolle, das schimpfliche Wort, und der Oberlehrer errötete wie einer seiner beim Abschreiben ertappten Tertianer. Wie! Er, der Oberlehrer Galle vom Paulinengymnasium, sollte Geld auf Zins ausleihen? Hatte er nicht bisher aus innerster Ueberzeugung die Meinung verfochten, daß jedes Zinsnehmen Wucher sei? Hatte er nicht an seinem Stammtisch wiederholt den Beifallssturm seiner Freunde entfesselt mit der Verkündung, daß man dieses verächtliche Gewerbe den Juden überlassen müsse?

Ja, es war so, er hatte diese bedeutenden Aussprüche gethan. Allein, bei Lichte besehen, wie hing das mit den zehn Tausendern in seinem Schreibtisch zusammen? Wollte er denn damit Zinsgeschäfte treiben? Bewahre Gott! Er wollte sie nur sicher anlegen, gewissermaßen auch nutzbar machen, aber nichts mehr. Selbstverständlich! Allein wie das anfangen? Sollte er etwas zu den Wucherern und Wechslern gehen und mit ihnen gemeine Sache machen? Oder sollte er sich gar selbst unter den Giftbaum der Börse stellen und in eigner Person den Tanz um das goldne Kalb mitmachen? Ja, wie sollte man es anstellen, ohne anderer Hilfe in Anspruch zu nehmen und sich als Kapitalisten verraten?

Lange dachte Oberlehrer Galle darüber nach, bis er sich plötzlich dabei ertappte, wie seine Blicke prüfend auf einem gewissen Teile der Zeitung ruhten, der bisher ein Greuel in seinen Augen gewesen war -- dem Kurszettel! Welche übelklingenden Beinamen hatte er dieser ebenso nützlichen wie lehrreichen Kundgebung nicht schon gegeben! Wie oft hatte er erklärt, daß, wie ein häßliches Mal den Anblick eines schönen Gesichtes, ihm diese Rubrik den Genuß seiner ihm im übrigen aus dem Herzen geschriebenen Zeitung völlig verleide! Mit welcher Entrüstung hatte er erklärt, daß er darin ein Zugeständnis an den Mammonismus der Zeit erblicke, daß die Zeitung dadurch dem Börsenspiel, dem Wucher und Schwindel Vorschub leiste! Und nun? Zwar wandte er sofort seine Blicke von jenen lasterhaften Zahlen und Namen ab; allein es dauerte nicht lange, so kehrten sie von neuem dahin zurück und hafteten zuletzt mit solcher Standhaftigkeit auf den verpönten Spalten, daß die Frau Oberlehrer sich verwundert aufrichtete und über den Tisch hinweg sagte:

"Ich glaube gar, lieber Anton, du studierst den Kurszettel?"

Der auf frischer That Ergriffene klappte mit geheuchelter Entrüstung das Blatt zu und erwiderte:

"Ich wollte mich nur überzeugen, wie weit die Börsenpest um sich gegriffen hat. Schließlich wird man weiter gar nichts mehr zu lesen bekommen, als Börsenberichte und Handelsanzeigen. Wenn das so weiter geht, gebe ich das Abonnement auf!"

Er dachte aber gar nicht daran, es aufzugeben, vielmehr begann er, in aller Heimlichkeit dem so verhaßten Kurszettel die liebevollste Aufmerksamkeit zuzuwenden, und oft, wenn ihn seine Gattin beim Korrigieren der lateinischen Exercitien wähnte, befand er sich mitten unter Rumäniern, Serben, Aegyptern und anderen exotischen Kreditblüten.

Den überraschend schnell fand sich der Oberlehrer in dem Labyrinth des Kurszettels zurecht. Anfangs war er natürlich von der Fülle und Mannigfaltigkeit der in- und ausländischen Werte völlig verblüfft worden, von deren Namen und Wesen er bis dahin keine Ahnung gehabt hatte. Indessen dank der übersichtlichen Rubrizierung lernte er bald unterscheiden und sichten, und wenn man ihn jetzt gefragt hätte, wie es mit "Laura" stehe, so würde er nicht an irgend eine leidende Dame dieses Namens gedacht, sondern gewußt haben, daß es sich um eine zwar bisweilen ebenfalls leidende, aber an der Börse sehr beliebte Bergwerksaktie handle. Selbstverständlich wandte sich sein Augenmerk zuerst den deutschen Staatspapieren zu. Er hatte ja gewaltig genug gegen jene vaterlandslosen Geldmänner gedonnert, welche das nationale Kapital aus dem Lande schleppten, um den Russen ihre Eisenbahnen bauen, den Oesterreichern ihre Schulden bezahlen und den Italienern ihren Notenzwangskurs beseitigen zu helfen. Folglich konnte er doch sein Geld nur in deutschen Effekten anlegen. Natürlich! Allerdings der Kurs ist enorm hoch und der Zinsfuß enorm niedrig. Und wenn man sich die Sache recht überlegt: russische, ungarische, italienische Anleihen sind doch immerhin Staatspapiere und zwar Papiere befreundeter, stellenweise sogar mit uns alliierter Staaten! Der Patriotismus kann daher sehr wohl bestehen beim Erwerbe und Besitze solcher Werte!

Dieses Bedenken war also hinfällig. Aber nun die Auswahl? Läßt man den blinden Zufall walten? Oder geht man auf eine Prüfung der einzelnen Effekten nach ihrer Rentabilität einer- und ihrer Sicherheit andererseits ein? Der Oberlehrer hatte oft beobachtet, daß die ungeübtesten Spieler die glücklichsten waren, und Börsengeschäfte -- das hatte er oft genug ausgesprochen -- sind Glücksspiele. Also der Zufall sei Führer!

Und der Zufall that seine Schuldigkeit. Eines Morgens fand der Oberlehrer in seiner Zeitung einen in rosenfarbigem Stile gehaltenen Prospekt, welcher an das hochverehrliche Publikum die Einladung richtete, sich bei der bevorstehenden Emission einer Königlich Serbischen Anleihe zu beteiligen. Diese ruhmreiche Nation hatte nämlich den hochherzigen Entschluß gefaßt, das deutsche Kapital zu dem Wettstreit um die Regulierung ihrer Finanzen zuzulassen und ihre Stimme in dem europäischen Konzert der Großschuldenmacher zu Gehör zu bringen. Natürlich sprangen die deutschen Geldspinde bei dieser Kunde von selber auf, und alles beeilte sich, das Vertrauen jenes edlen Volkes durch die That zu rechtfertigen; um so mehr, als ja eine glänzende Verzinsung angeboten wurde. Auch Oberlehrer Galle begrüßte das aufgehende Anleihegestirn mit Entzücken; aber pedantisch und ängstlich, wie er nun einmal war, beschloß er, sich doch erst ein wenig über dieses ihm bis dahin so ziemlich unbekannte Serbien zu informieren. Hierzu schien ihm der Geographielehrer des Gymnasiums die geeignete Persönlichkeit. Als er diesen daher im Konferenzzimmer unter vier Augen zu sprechen bekam, ließ er so ganz von ungefähr die Frage fallen:

"Sagen Sie einmal, lieber Kollega, was halten Sie eigentlich von Serbien?"

Der Geograph hatte ein etwas boshaftes Gemüt und übte namentlich an den klassischen Philologen seinen Spott, weil diese die Vertreter der Realien nicht für voll ansahen. Er antwortete daher brummend:

"Serbien? Was geht Sie denn Serbien an? Kommt ja meines Wissens weder im Horaz noch im Cicero vor!"

Und als ihn Oberlehrer Galle hierauf ersuchte, seine ewigen Sticheleien mit dem Horaz zu unterlassen, fuhr der Boshafte fort:

"'s ist schon gut!" Ich weiß, was ich weiß! Gewiß haben Sie irgend was Römisches herausgeschnüffelt, daß Sie auf einmal auf Serbien versessen sind!"

Der Oberlehrer versicherte dagegen feierlich, daß es ihm nur um die Vermehrung seiner allgemeinen Bildung zu thun sei, weil man in letzter Zeit so viel von jenen interessanten Völkerschaften spreche.

"Hören Sie," sagte der Geograph und sah den Klassischen durchbohrend an, "ich habe einen anderen Verdacht! Galle, Sie wollen doch nicht etwa auch die serbische Anleihe zeichnen?"

Dem Oberlehrer ging bei diesen Worten ein Schauer über den Leib wie einem in flagranti ergriffenen Einbrecher. Mit Mühe brachte er seinem Gesicht einen Faltenwurf bei, hinter dem man allenfalls ein Lächeln vermuten konnte, und sagte, Entrüstung heuchelnd:

"Sie sind nicht recht gescheit, Kollega! Wie kommen Sie zu solcher Insinuation?"

"Aso nicht?" versetzte der andere. "Es wäre Ihr dümmster Streich nicht gewesen."

Oberlehrer Galle horchte auf.

"So hat das Land also eine Zukunft?" fragte er.

"O ja," erwiderte der Geograph. "Seine Zukunft liegt in seiner Schweinewirtschaft."

"Mit Ihnen kann man kein vernünftiges Wort reden," rief der Oberlehrer und wandte sich, jetzt wirklich entrüstet, ab.

"Wieso?" lachte der Geograph. "Es ist mein voller Ernst. Der Wohlstand des Landes beruht hauptsächlich auf seiner großartigen Schweinezucht."

Nun mußte der Oberlehrer mitlachen, aber klüger war er durch die Auskunft des Boshaften nicht geworden. Gleichwohl beschloß er, zu subskribieren, brachte doch die Abendnummer ein Specialtelegramm aus Berlin, daß die noch nicht erschienene Anleihe bereits zu einem um fünf Prozent höheren Kurse gehandelt würde. Er entwarf daher ein Schreiben an eine der im Prospekt benannten Zeichenstellen, worin er einen Betrag von zehntausend Mark Königlich Serbische Anleihe zu zeichnen erklärte, fügte demselben die erforderliche Kaution bei und legte es zurecht, um es am nächsten Morgen selbst auf die Post zu bringen.

In dieser Nacht hatte er einen unheimlichen Traum. Er befand sich in einem riesigen, ganz aus Gold aufgebauten Saale. Die Wände, der Fußboden und die mächtigen Säulen, welche die Decke trugen, alles war aus purem Golde; ja selbst die Kuppel, durch die ein mildes Licht hineinfiel, schien von durchsichtigem Golde zu sein. Er war allein in dem märchenhaften, durch seine gewaltigen Dimensionen und seinem sonnigen Glanz feierlich stimmenden Raume. Plötzlich stand eine hohe, männliche Gestalt neben ihm. Sie war in ein weißes, goldbesticktes Gewand gehüllt, und der bis auf die Brust herabwallende Bart und die priesterliche Miene erinnerten den Oberlehrer lebhaft an Hochwürden Sarastro aus der Zauberflöte. Unwillkürlich machte er eine ehrerbietige Verbeugung vor dem alten Herrn, welcher, indem er leise die Schulter des Gastes berührte, mit einer ungemein sympathischen Stimme also sprach:

"Mein Sohn, ich weiß, was dich hergetrieben. Deine Sehnsucht soll gestillt werden!"

Langsam hob er bei diesen Worten die rechte Hand in die Höhe. Da öffnete sich geräuschlos eine bis dahin unsichtbare Thür -- und der Oberlehrer taumelte wie geblendet zurück. Er blickte in ein Gemach, aus dem ein tausendfarbiges Lichtmeer sich in den Saal ergoß. Es war von oben bis unten mit blitzenden, funkelnden, glühenden Edelsteinen angefüllt, deren Form und Größe sich in dem zitternden Feuer, das sie ausstrahlten, nur ungewiß erkennen ließ.

"Ich werde dich dort hineingeleiten," ließ sich jetzt wieder die Stimme des Priesters vernehmen, "und du magst mit dir nehmen, soviel dir gefällt. Doch hüte dich, daß du über jene Schwelle strauchelst, sonst bleiben unsere Schätze dir für immer verloren!"

Mit weit aufgerissenen Augen starrte der Oberlehrer auf die verhängnisvolle Schwelle hin, und sein Herz frohlockte. Es war eine schmale, niedrige Schwelle, wie alle Schwellen sind, nur daß diese eben von Gold war. Wie sollte er dazu kommen, über solch ein Ding zu stolpern. Komischer alter Herr!

"So laß uns denn gehen, mein Sohn!" fuhr der Priester fort und begann mit ihm der offenen Thüre zuzuschreiten. Schon waren sie dicht an der Schwelle angelangt, als sich plötzlich ein furchtbares Geschrei hinter ihnen erhob. Bestürzt wandte sich der Oberlehrer um und sah den weiten Saal mit einemmal gefüllt mit Tausenden von lärmenden, zeternden, kreischenden Männern, deren fratzenhafte Gesichter ihn deutlich an jene unangenehmen Physiognomien erinnerten, die ihm so sehr verhaßt waren. Da sah er den Kommerzienrat Rosenfeld, der zwei Jungen auf dem Paulinengymnasium hatte und der ihn einmal wegen angeblicher Zurücksetzung der letzteren in einer empörenden Weise zur Rede gestellt; und da bewegte sich jener Herr Cohn, mit dem er in seiner Stammkneipe einen in seinen Konsequenzen für ihn so fatalen Auftritt gehabt hatte; und immer mehr von jenem gräßlichen Gelichter tauchten aus dem schreienden Haufen auf. Voll Widerwillen wandte er sich um und setzte hastig den Fuß vorwärts; doch ein leichter Schlag auf seine Schulter zwang ihn, stehen zu bleiben.

"Tippen Sie nicht!" schrie er rückwärts in die Menge. Ein gellendes Hohngelächter antwortete ihm, und aufs neue fühlte er seine Schulter getroffen. Wutschäumend stürzte er weiter, die Schwelle nicht beachtend, die dicht vor ihm lag, und über die jetzt sein Fuß strauchelte. In diesem Moment erdröhnte der Saal von einem furchtbaren Schlage. Krachend fuhren die Thüren der Schatzkammer zusammen, er selbst aber stürzte jählings in eine unabsehbare, grauenhafte Tiefe und erwachte, in Schweiß gebadet.

"Anton!" rief seine Frau, sich ängstliche über ihn beugend. "Was ist dir? Du schreist ja so entsetzlich auf!"

Der Oberlehrer trocknete sich die Stirn und sagte mit matter Stimme: "Nichts, nichts! Ein häßlicher Traum!"

Seit jener Nacht wurde die besorgte Gattin noch gar häufig durch ähnliche Vorgänge um ihren Schlaf gebracht; denn mit dem gesegneten Schlummer, dessen sich der Oberlehrer bis dahin erfreut hatte, war es nun vorbei: die Aufregungen, in welche seine Spekulationen ihn stürzten, nahmen ihm die Freuden der Nacht und die Ruhe des Tages.

Aus der Serbenzeichnung wurde übrigens nichts. Am nächsten Morgen, an welchem Galle das bewußte Schreiben absenden wollte, ließ sich in seinem Blatte eine "Stimme aus den Kreisen der kleinen Kapitalisten" vernehmen, welche dringend vor der Beteiligung an "diesem neuesten internationalen Börsenschwindel" warnte und unter Hinweis auf die Unsicherheit und Unfertigkeit der Zustände auf der Balkanhalbinsel prophezeite, daß bei der geringsten Unruhe, wie solche in jenen Ländern täglich ausbrechen könnten, der Kurs des Papiers auf die Hälfte geworfen werden würde. Dieses Fernbild genügte, um den Oberlehrer umzustimmen. Der Brief wurde vernichtet, und die Zeichnung unterblieb. Als aber tags darauf ein Börsentelegramm meldete, daß die Subskription wegen zwanzigfacher Überzeichnung der Anleihe sofort geschlossen werden mußte, und daß die letztere "per Erscheinen" mit zwölf Prozent über dem Emissionskurs gehandelt wurde, da wollte sich der so schmählich Getäuschte vor Aerger, Wut und Verzweiflung die Haare ausraufen; und sein Jammer erreichte den höchsten Grad, als ein anderes Telegramm -- die Depeschen über diese Haupt- und Staatsaktion flogen nur so hin und her -- berichtete, daß die kleinen Zeichnungen sämtlich voll berücksichtigt werden sollten.

Er schloß sich in sein Zimmer ein und tobte gegen sich. Zweimal nannte er sich laut und vernehmlich einen Esel, ohne sich wegen dieser Ehrenkränkung zur Rechenschaft zu ziehen. Dann setzte er sich hin und rechnete aus, wieviel er jetzt reinen Gewinn hätte, wenn -- wenn er kein Esel wäre. Es kam eine Summe von über tausend Mark heraus. Tausend Mark! Er schlug, von den Verbalinjurien zu den Realinjurien übergehend, mit geballter Faust gegen seinen Kopf. Tausend Mark! Und wer sagt denn, daß er nur für seine zehntausende zeichnen mußte! Hätte er nicht ebensogut zwanzig-, dreißig-, vierzigtausend Mark zeichnen und den Gewinn vervierfachen können, da doch nur der vierte Teil des Subskriptionsbetrages sogleich zu zahlen war?

Dieses Rechenspiel brachte ihn plötzlich auf einen neuen Gedanken, vor dessen Kühnheit er anfangs selbst zurückschreckte. Du warst auf dem falschen Wege! flüsterte ihm dieser Gedanke zu. Deine Summe ist zu klein als Kaufpreis, aber groß genug als Sicherheit. Ihr Betrag darf nicht als Grenze für den Erwerb, sondern nur für das Risiko dienen. Für zehntausend kann man keine hunderttausend kaufen, aber man kann sie damit gewinnen! Mit Begier sog seine Seele die Süßigkeit dieser Einflüsterung ein. Ja, das war das Richtige. Mit einem sicheren Fonds in der Hand ist die Spekulation kein frivoles Spiel mehr, sondern eine kluge Ausnutzung der Geldverhältnisse!

Nun hatte er die richtige Fährte gefunden. Jetzt hieß es, den Kurszettel gründlich studieren, die Schicksale der einzelnen Papiere genau verfolgen, ihre Wertschwankungen festzustellen und danach die Chancen zu berechnen. Allerdings genügte das Blatt des Oberlehrers hierzu nicht. Es war ja skandalös, wie dürftig der Handelsteil darin bedacht war, er reichte allenfalls für Hinterpommern aus. Dem Oberlehrer erschien er jetzt einfach lächerlich. Bessere Quellen waren leicht gefunden; im Café gab es eine reiche Auswahl von Börsenzeitungen, bequemer konnte man es gar nicht haben. Tag für Tag saß nun Oberlehrer Galle vom Paulinengymnasium stundenlang im Café und studierte die Zeitungen; und während er bisher nur mit ingrimmiger Verachtung auf gewisse Gruppen von Besuchern geblickt hatte, welche in lauter Diskussion die Vorgänge an der Börse behandelten, suchte er sich jetzt möglichst in deren Nähe zu placieren, um etwas von ihrer Coulissenweisheit zu erhaschen. Auch den blauen, dünnen Zetteln mit den neuesten Kurstelegrammen, welcher auf den Tischen auslagen, widmete er ein verstohlenes Studium, obwohl sie ihm früher ein Dorn im Auge gewesen waren. Was er aber auf diese Weise erfahren und erlauscht, das diente ihm zu Hause als Grundlage für seine kühnen Operationen. Dort saß er oft bis in die Nacht und rechnete und grübelte, wie er den Dämon Zufall bezwingen, wie er gewinnen könnte, ohne zu riskieren. Allein seine genialen Spekulationen erschütterten die Börse nicht; denn sie kamen nie zur Ausführung. Es fehlte ihrem Urheber der Mut des Spekulanten. Was sein fiebernder Geist am Abend ausgesonnen und seine Gewinnsucht beschlossen hatte, das warf die Furcht am nächsten Morgen über den Haufen. Welche Schätze hätte er erwerben müssen, wenn nur ein Teil seiner Finanzpläne zur Wirklichkeit geworden wäre! Statt ihrer schwollen Neid und Gier immer gewaltiger in seiner Seele an und drohten ihn völlig aufzureiben.

Schon erkannte man ihn auch äußerlich nicht mehr wieder. Seine sonst so gesunde Farbe war in eine gelbliche Nuance übergegangen, und die angenehme Rundung seiner Formen war dahin. Er war unstät und zerstreut und überhörte die größten grammatischen Schnitzer. Mitunter saß er ganze Minuten lang wie geistesabwesend da und starrte ins Leere; ein andermal war er so aufgeregt, daß sich selbst die unerschrockensten Flegel in der Klasse vor ihm fürchteten. Natürlich ängstigte diese seltsame Veränderung ihres Eheherrn die gute Frau Oberlehrer nicht wenig. Ihr Nachsinnen über die Ursache derselben hatte sie jedoch auf die falsche Fährte gebracht. In erklärlicher Ueberschätzung seiner Fähigkeiten glaubte sie, daß er an einem wissenschaftlichen Werke arbeite und legte sich daraufhin sein langes Verweilen außer dem Hause und seine allabendliche Thätigkeit zurecht. Sie wähnte ihn auf der Bibliothek bei den Römern und Griechen, während er im Café die Kurse studierte und sich mit Türken und Serben abgab.

Wie erschrak sie daher, als eines Tages in Abwesenheit ihres Mannes der Direktor vom Paulineum zu ihr kam und nach einer längeren wohlgesetzten Vorrede ihr eröffnete, daß es mit ihrem Gatten nicht länger so fortgehe, und daß man aufs schlimmste gefaßt sein müsse, wenn nicht schleunigst etwas geschehe. Er scheine nach seinen verwirrten Andeutungen von der Manie erfaßt zu sein, daß er sein Vermögen an der Börse verloren habe. Schon sei die Behörde aufmerksam geworden, der Unterricht und die Disciplin leide darunter, so daß er sich entschlossen habe, freundschaftlich einzugreifen, ehe ein amtliches Vorgehen ihm zur Pflicht gemacht werde. Der Kollega müsse sofort auf mehrere Monate Urlaub nehmen und sich von allen geistigen Erregungen fern halten, hoffentlich werde sich dann der Zustand bessern und die Nervenüberspannung lösen. Die bestürzte Frau konnte diese Hiobspost zuerst kaum fassen, als sie sich aber einzelne Reden ihres Mannes, sein ganzes Wesen und Treiben vergegenwärtigte, mußte sie dem Direktor recht geben und drückte dies dadurch aus, daß sie in ein großes Weinen ausbrach. Der Direktor entschuldigte sich aber mit Geschäftsüberhäufung und entfernte sich schleunigst, nachdem er die Wehklagende an den Arzt verwiesen hatte. Dieser kam, sah und sagte zu dem Manne: "Es wird schon besser werden, Herr Oberlehrer! Nur Schonung!" -- zu der Frau aber: "Auf der Stelle fort, werteste Frau, nach dem Süden! Es ist Gefahr im Verzuge!"

Nun suchte man dies dem Oberlehrer beizubringen. Aber der sträubte sich mit Händen und Füßen, behauptete, kerngesund zu sein, und wurde schließlich so beängstigend aufgeregt, daß man auf alles gefaßt sein mußte. Plötzlich aber schlug seine Stimmung um. Er klappte zusammen wie ein Ballon, aus dem das Gas entwichen ist, und erklärte, man möge mit ihm machen, was man wolle, er sei doch ein verlorener Mann. Jetzt fing abe die arme Frau leise zu seufzen an: wie man die Reise nach Italien, jetzt mitten im Winter, durchführen wolle, ob man nicht lieber in eine nahegelegene Heilanstalt gehen möchte! Da stand der Oberlehrer auf, schritt an seinen Schreibtisch, nahm das Paket mit den zehn Tausendern heraus und legte es auf den Tisch, seiner Frau vor das Antlitz. Die Papierenen, welche einen so furchtbaren Sturm in dem Gehirn ihres Gewinners entfesselt hatten, sahen noch so glatt und unversehrt aus wie am ersten Tage.

"Hier ist das Geld," sagte der Oberlehrer Galle mit Matter Stimme. "Es wird langen."

Die gute Frau wäre unzweifelhaft vor Schreck in die Erde gesunken, wenn diese so beliebte Art des Verschwindens nicht schwerer wäre, als man glaubt. Sie begnügte sich daher, sprachlos zu werden und mit angsterfüllten Augen bald die Banknoten, bald ihren Mann anzublicken. Dieser brach endlich den Bann des Schweigens, indem er sprach:

"Ich habe sie in der Lotterie gewonnen. Frage mich jetzt nicht weiter, sondern nimm das verruchte Geld und thue damit, was dir gut dünkt."

Und so geschah es. Das Ehepaar reiste nach Italien, und in diesem schönen Lande, welchem wir außer unzähligen Kunst- und Reiseschilderungen auch manche gute und nützliche Dinge, wie die vortreffliche Salami und die blutsaftigen Messina-Apfelsinen, verdanken, wurde der Oberlehrer wieder an Leib und Seele gesund. Ein einziger kleiner Rest von Melancholie nur blieb wie ein trüber Bodensatz auf dem Grunde seines Gemütes zurück. Es quälte ihn der Gedanke an den Besitz des Geldes, das nach Bestreitung der Reise übrig bleiben würde; denn wer nicht zufällig Fürst oder Finanzbaron ist, wird sich denken können, daß die Familie Galle auch in Italien billig zu leben wußte. Was soll nun aus dem Gelde werden? fragte er sich bekümmert. Wenn er nicht den Einspruch der Gattin gefürchtet hätte, wahrhaftig, er hätte es irgend einer wohlthätigen Stiftung gewidmet oder noch lieber damit einen Verein für die hilflosen Hinterbliebenen unglücklicher Spekulanten gegründet! So kehrte er denn zwar als ein genesener, aber nicht als ein völlig sorgenfreier Mann in die Heimat zurück.

Hier aber wurde ihm alsbald auch die letzte Last vom Herzen genommen, und zwar war es der Staat, dessen Fürsorge für die Armen und Beladenen sich ja immer glänzender bewährt, der ihm zum Retter wurde. In der verborgenen Tiefe seines Gesetzbuches ruhte nämlich ein harmloser Paragraph, der fast ein Jahrhundert hindurch ein stilles Traumleben geführt hatte, bis gerade jetzt ein findiger Finanzrat dieses Dornröschen aus seinem Schlummer aufküßte. Besagter Paragraph verordnet nämlich: daß der Staat das Recht habe, alles, was aus einem verbotenen Geschäfte gewonnen worden, dem Gewinner zu entreißen und in seine umfangreiche Tasche zu stecken. Natürlich fanden sich sofort Rechtsverständige, welche die Anwendung dieser Bestimmung auf den vorliegenden Fall bestritten, weil es zwar verboten sei, in fremden Lotterien zu spielen, nicht aber auch, zu gewinnen. Aber was bestritten die Juristen nicht! Der Staat war daher weise genug, sich nicht daran zu kehren, sondern jene Gewinne zurückzufordern. Da es nun ruchbar geworden war, daß der Oberlehrer einen solchen gemacht habe, so fand er bei seiner Rückkehr eine Klage des Fiskus gegen den Oberlehrer Galle am Paulineum auf Herausgabe von zehntausend Mark unerlaubtem Lotteriegewinn vor.

Im ersten Augenblick war der Beklagte stark verblüfft und erschrocken, aber bald wich diese Spannung einem Seelenzustande, so friedvoll und glückselig, wie er ihn noch niemals empfunden zu haben meinte. Nun endlich war alles überstanden, alles ausgeglichen. Mit Freuden gab er das viele Geld dem sittlich entrüsteten Fiskus hin, erhielt er doch dafür seine Geistesruhe zurück. Oberlehrer Galle wurde wieder der Alte; nur wenn jetzt am Stammtisch über die Börse, das Kapital und die Spekulanten geschimpft wird, stimmt er nicht wie sonst in den Chorus ein, sondern schweigt fein still und denkt bei sich: Wir sind allzumal Sünder und ermangeln des Ruhmes!


(aus: Julius Stettenheim (Hg.), "Das Humoristische Deutschland", Zweiter Jahrgang, Verlag von W. Spemann, Berlin & Stuttgart, 1887)

 

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