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Die Pisa-Studie im Zugabteil

Henning Helmhusen

Heute ist der Zug einfach zu voll, als daß ich ein ganzes Abteil für mich behalten könnte. Die kleine Familie -- Vater, Mutter und schulreifer Junge -- gehen einmal am Abteil vorbei und nehmen die Lage in Augenschein. Dann kommen sie in umgekehrter Richtung wieder. Erst beim dritten Anlauf öffnet der Mann die Türe des Abteils und fragt höflich. Ja, selbstverständlich dürfen sie sich setzen.

Die Stilrichtung der Familie ist einheitlich 'casual', nicht schlampig, mehr eine Mischung aus Jeans, Cord, Anoraks und Wildlederschuhen. Dazu dezente Hornbrillen für die Eltern, wie sie der Optiker aufschwatzt. Der Vater sagt zu seiner Frau etwas über Urlaub, den er nehmen will. Sie nimmt ein Buch aus der Tasche und beginnt darin zu lesen. Offenbar kümmert sie sich unter der Woche so viel um den Jungen, daß sie am Wochenende die Betreuung gerne an ihren Mann abtritt.

Der Vater positioniert sich nun als allwissender Erklärer. Da wenig zu erklären ist, versucht er seinen Sprößling auf das Faszinierende des Bahnwesens zu lenken:

"Schau mal, da ist ein besonderer Eisenbahnwagen!"

Er wartet vergeblich auf eine Reaktion seines Sohnes und beantwortet ihm schließlich die nicht gestellte Frage:

"Das ist ein Gleisbauwagen. Weil die Gleise auch immer mal repariert werden müssen."

Der Junge nimmt das hin. Auch weitere Versuche seines Vaters, die Welt der Schienen näherzubringen, landen auf dem Abstellgleis.

Oje! Jetzt langweilt sich doch wirklich der Sohn -- eine äußerst kritische Situation. Aber ein guter Vater ist auf soetwas natürlich vorbereitet. Seine Geheimwaffe ist ein als Spaß getarntes Lernspiel über die Wunder der Tierwelt. Auf Karten stehen Fragen, auf der Rückseite findet sich die Auflösung. Ziel ist es die Besserwisserei des Nachwuchses zu wecken und ihm so unbemerkt Bildung unterzujubeln.

Der Vater kennt seinen Sohn auch sehr gut und weiß, wie er ihn überfordern kann. Er läßt ihn die Fragen vorlesen. Gleich die erste stellt die Eltern vor ein nicht leicht zu lösendes Rätsel:

"Kö--, könen -- Dere im Sehen sa--, safen?"

Wie bitte? Der Vater hilft ihm ein wenig:

"Können Pferde im Stehen schlafen?"

Achso. Die Mutter sagt 'ja', ohne von ihrem Buch aufzusehen. Der Sohn schließt sich ihr an. Und um es etwas spannender zu machen, tut der Vater so, als wenn er sich nicht sicher ist, zaudert und bemerkt dann:

"Hmm, ich glaube, daß Pferde im Stehen schlafen können."

Stimmt auch. Und der Junge schreitet zügig zur nächsten Frage fort, ohne sich mit dem Gehalt der Aussage weiter zu belasten. Das ist durchaus klug von ihm, denn das Lernspiel ist ein Wirrwarr von belanglosen Informationen, die man sich nicht durch Nachdenken, sondern nur durch dumpfes Pauken verschaffen kann.

Wo allein es in Europa wild lebende Affen gibt? Ich bezweifle etwas, daß der Junge eine hinreichend klare Vorstellung davon hat, was alles zu Europa gehört, und von da auf die Felsen von Gibraltar kommen kann.

Was ein Wendehals ist? Ich zucke zusammen, weil ich unsere ostdeutschen Mitbürger nicht gleich ins Tierreich verweisen will, und bin dann beruhigt, daß es sich -- mir unbekannt -- um eine Vogelart handelt.

Nun treten allerdings weit schwerwiegendere Probleme mit dem Spiel auf. Die Mutter nimmt die Sache nämlich nicht ernst genug und antwortet trotz Lektüre stets wie aus der Pistole geschossen. Das wird ihrem Sohn bald zu bunt. Wütend beklagt er sich:

"Die Mama antwortet immer zu schnell!"

Der Vater ist sauer. Er weist seine Frau mit einem vorwurfsvollen Blick auf das Störende ihres Treibens hin. Die Mutter reißt sich zusammen. Und der Vater ist sogar noch vorbildlicher und gerät von nun an bei jeder Frage in endloses Grübeln, sodaß der Sohn immer gewinnt, auch wenn es ja eigentlich nicht um schnelle, sondern nur um richtige Antworten geht.

Weil das Lesen bei dem Jungen so arg hapert, daß der Fortgang des Spiels zu langsam werden könnte und damit bald langweilig, und weil auch die richtig gelesenen Fragen meist verständnislos wie in einer fremden Sprache daherkommen, nimmt der Vater dem Sohnemann die Bürde ab. Das Spiel gewinnt nun merklich an Fahrt, was aber auch seine Tücken hat.

Zum einen treten die halsbrecherischen Schwenks von Raubkatzen zu Fischen zu Schlangen zu Giraffen hervor, die für einige Verwirrung bei dem Kleinen sorgen. Zum anderen wird allzu augenscheinlich, daß die Mutter zu viel weiß. Ihr Sohn punktet nun durch seine hochentwickelte Sozialkompetenz, und beklagt sich über die unfairen Chancen:

"Das ist nicht richtig. Die Mama hat immer recht!"

So gehts natürlich nicht. Der Vater ist langsam richtig böse auf seine Frau und weist sie zurecht. Ihr kommt das nicht ungelegen. Sie steigt gerne aus dem Spiel aus.

Allein mit seinem Bildungsauftrag gelassen, kämpft der Vater sich nun tapfer weiter durch die Fragen. Eine erfreuliche Wendung nimmt das Spiel, als plötzlich eine Serie von Karten an die Reihe kommt, die dem Kleinen von früheren Indoktrinationen bekannt zu sein scheinen. Mit abstrusen Eselsbrücken hangelt er sich zu den korrekten Antworten. Ein richtiges Erfolgserlebnis! Aber nur ein vorübergehendes …

Während der Vater sich jetzt wieder abmüht, seinem Sohn mit Tipps wie "Na, die Wieder--" auf die Sprünge zu helfen, daß Wiederkäuer alles zweimal essen, muß ich leider schon aussteigen und verpasse damit die weiteren Bemühungen um die Hebung des Bildungsniveaus.

 

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