20.09.2004

Erdrutschsiege für V-Parteien

Beide radikalsozialistischen Parteien haben bei den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen einen rotbraunen Erdrutschsieg errungen. Die beiden von der Staatssicherheit gesteuerten Parteien haben ihren Zweck erfüllt, den Unmut der Zukurzgekommenen über die Sozialreförmchen der herrschenden staatstragenden Parteien zu kanalisieren. Sowohl die PDS als Sammelbecken der SED-Opfer als auch die Antiglobalisierer der NPD waren von den Werbestrategen des Verfassungsschutzes mit den gleichen Parolen ausgestattet worden (PDS: „Quittung für Hartz IV“ bzw. NPD: „Hartz IV - Das ist Armut per Gesetz“).

Maßgeschneidert erschien dann auch das NPD-Ergebnis bei der ersten ZDF-Hochrechnung, welches die Spitzhüte heilfroh und mit gestrecktem Arm zur Kenntnis nahmen: 8,8 %. Auch PDS-Frontfrau Enkelmann hob drohend die Hand: „Die Koalition hat vom Wähler eine kräftige Ohrfeige bekommen.“ Mit „dem Wähler“ ist halt nicht gut Kirschen essen, vor allem wenn er mit einem Baseballschläger ausgestaatet ist.



Wahlergebnisse zu marktfreundlich

Unterdessen ist unter den Neosozialisten von Rot bis Braun eine Debatte um das Wahlrecht entbrannt. „Ein Wahlergebnis ist ja eigentlich nur ein Spiegelbild des Zusammenwirkens eines jeden einzelnen Individuums und ist somit eng mit dem ruinösen freien Markt verwandt. Die Idee des Kollektivs kommt hierbei jedoch nicht zur Geltung, da jeder Wähler nur aus Eigeninteresse wählt.“ So könne man bei der jetzigen Form der Demokratie auch nicht von einem „Wähler“ sprechen. Die Vorstellung, dass „der Wähler“ ein beseeltes Kollektiv sei, sei demnach eine Begriffsverzerrung, denn eine Mehrheit bei Wahlen spiegele nicht das Volksinteresse, sondern lediglich die Summe einer Mehrheit egoistischer und daher unsozialer Einzelinteressen wider.

Um vom ermächtigenden „Wählerauftrag“ sprechen zu können, müssten diese Einzelinteressen hingegen kollektiviert werden, wozu es einer wissenschaftlichen Planung bedürfe. Diese Aufgabe müssten diejenigen Organe übernehmen, die für den Schutz des Staates zuständig seien. Der Wählerwille sei also letztendlich von derjenigen Institution zu planen, die dem Wähler überhaupt erst das Recht zugestehe, seiner demokratischen Pflicht nachzukommen, und dies könne nun einmal nur der Staat sein.

Beide staatsschützenden Parteien wollen für den Fall eines gemeinsamen Wahlsiegs bei kommenden Wahlen Vorschläge erarbeiten, wie man den zur Atomisierung und Individualisierung tendierenden Wahlmarkt reformieren und sozial gerechter gestalten könnte.


Europäische Rechtschreibreform gescheitert

Niemand hatte damit gerechnet. Und so war die Sensation gestern perfekt, als völlig überraschend "Lö Mond" und "Se Teims" ankündigten, wieder zur veralteten französischen, bzw. englischen Rechtschreibung zurückkehren zu wollen. Bei aller Sympathie für die Argumente der Befürworter, wie etwa die Nachteile europäischer Schüler gegenüber ihren amerikanischen und japanischen Konkurrenten, fühle man sich nicht als Erfüllungsgehilfe der Reformer um den griechischen EU-Orthografie-Kommissar Legas Thenikos.

Dabei war alles so gut geplant und austariert. In zähen Verhandlungen hatten sich die europäischen Politiker auf eine Orthografie verständigt, bei der jede der Sprachgruppen gleich viele liebgewonnene Eigenheiten aufgeben musste. Die Deutschsprachigen wollten auf die Großschreibung und das 'ß' verzichten, die Engländer auf das 'th', und dafür sollte es in Vorbereitung zur Aufnahme der Türkei die allgemeine Einführung von Umlauten geben.

Als Vorschlag zur Güte überlegt der Europäische Sprachrat nun, eine "Orthografie light" auszuarbeiten, die einige der ungewohnten Schreibweisen abmildern soll. Aber dies wird wohl ebenso wenig die führenden Blätter im französisch-wallonischen und anglo-irischen Verwaltungsbezirk umstimmen wie der erbitterte Widerstand gegen jede Neuerung, den "BUILD" und "Shpeagle" noch am selben Tag ankündigten. Es sieht leider so aus, als wenn wir Europäer weiterhin aneinander vorbeischreiben. Kell domash!