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Landwirtschaft: Chance oder Risiko?

Kürzlich kehrte unser „Zeitpirat“ Ragnar Danneskjöld von einer Reise ins Jahr 8003 v. Chr. zurück. Er hatte ein hirschledernes Flugblatt der Organisation „Grünkern“ ergattert, dessen Text sich als geradezu beklemmend aktuell erwies und deshalb hier erstmalig und exklusiv veröffentlicht wird:

„Schweine ohne Haare, Wölfe, die den Menschen aus der Hand fressen, flugunfähige Vögel im Hinterhof, ganze Landstriche, die nur von Getreide bewachsen sind? Das sind keine Horror-Phantasien skeptischer Domestizierungsgegner, sondern tatsächliche Produkte aus der Landwirtschaft. Ginge es nach dem Willen der Agrarindustrie, wären landwirtschaftlich angebaute Lebensmittel längst die Regel, und domestizierte Pflanzen hätten sich längst in unserer Umwelt ausgebreitet. Dabei kann niemand abschätzen, wie sich die Eingriffe in den Naturkreislauf auf Mensch und Umwelt auswirken.

Bei der sogenannten „Züchtung“ von Pflanzen und Tieren werden Organismen mit für die Agrarbosse erwünschten Eigenschaften ausgesondert und gezielt miteinander „gekreuzt“, in der Hoffnung, dass die „vorteilhaften“ (d.h. profitbringenden!) Eigenschaften in die nächste Generation weitervererbt werden. Dabei ist nicht bekannt, wie viele für den Menschen und die Umwelt schädliche Eigenschaften mitvererbt werden!

Ackerbau und Viehzucht unterscheiden sich in ihren Methoden deutlich vom normalen Jagen und Sammeln. Ob zum Beispiel ein Brot sicher ist, das aus landwirtschaftlich angebautem Getreide gebacken wurde, oder ob gezüchtete Organismen die Umwelt schädigen, kann niemand im Voraus beurteilen.

Deswegen ist Grünkern aus Vorsorgegründen gegen die Freisetzung von landwirtschaftlich angebauten Organismen. Ansonsten werden die Verbraucher zu Versuchskaninchen und die Natur zum riesigen Versuchslabor.

Doch wem nützt die Landwirtschaft eigentlich? Die Agrarindustrie erhofft sich große Profite. Sie will mit den Agrarpflanzen die Herstellung unserer Nahrungsmittel kontrollieren. Vom Feld bis auf unsere Teller!“

Durch dieses frühe Zeugnis ökologischen Verantwortungsbewusstseins neugierig geworden, beauftragten wir unseren Zeitpiraten mit einer erneuten Reise in die Zeit der Neolithischen Revolution, um weitere Forschungen über diese Zeit durchzuführen.

„Eine weite Hügellandschaft verbirgt den Eingang zur Steinhöhle, die das Institut für Agrartechnik beherbergt. Hier bin ich mit Prof. Feuerstein verabredet, dem Leiter des Instituts und Erfinder der Selektions-Kreuzungs-Technik (SKT), im Volksmund auch „Züchtung“ genannt. Am Eingang der Höhle tritt er mir entgegen: ein untersetzter Zwanziger im Lendenschurz mit schütterem Haar und festem Händedruck. Die Strapazen um die öffentliche Diskussion der letzten Zeit sind ihm ins Gesicht geschrieben.

Natürlich spreche ich ihn sofort auf das Flugblatt an. „Ach ja, die Grünkerns“, seufzt er. „Wissen sie, eigentlich bin ich ja auch dagegen, dass der Mensch allzu sehr in die Schöpfung eingreift. Was ich zum Beispiel ganz entschieden ablehne, sind Cross-Spezies-Kreuzungen, bei denen aus zwei unterschiedlichen Tier- oder Pflanzenarten eine ganz neue Spezies entstehen soll. Damit maßt sich der Mensch eine göttinnengleiche Macht über die Natur an, die ihm einfach nicht zusteht. Auch der Entwicklung neuartiger Drogen durch landwirtschaftliche Methoden muss natürlich ganz entschieden ein Riegel vorgeschoben werden.

Auf der anderen Seite muss man aber doch auch die Vorteile der neuen Züchtungstechnologien sehen: Wahrscheinlich wird die breite Einführung der Landwirtschaft das Ernährungsproblem lösen! Schon jetzt gibt es 6 Millionen Menschen auf der Welt und ihre Zahl steigt ständig! Wie will man diese Bevölkerungsexplosion in den Griff bekommen? Man braucht sich ja nur die riesigen Berge von Müll in der Nähe jeder von Menschen bewohnten Höhle anzusehen, um zu erkennen, dass es eigentlich jetzt schon viel zu viele Menschen auf der Welt gibt! Seit der Entdeckung des Feuers hat die Naturzerstörung durch den Menschen ungeahnte Ausmaße angenommen!

Durch die angeblich „friedliche“ Nutzung des Feuers hat sich das Klima auf der Erde immer mehr erwärmt. Dadurch wird die Entstehung von Eiszeiten, die sonst für eine natürliche Regulierung der Bevölkerungszahlen sorgen würden, verhindert! Um so viele Menschen zu ernähren, müssen wir einfach neue, sanfte Technologien entwickeln, und dazu gehört eine, natürlich streng reglementierte und einem ständigen öffentlichen Diskurs unterworfene Landwirtschaft. Vor allem aber ist es wichtig, dass wir langfristig den Ausstieg aus dem Feuer planen. Wenn ich jetzt schon höre, dass es unter jungen Leuten neuerdings Mode geworden ist, Mahlzeiten mit Feuer zu behandeln, weil sie dann angeblich „besser schmecken“ und „leichter verdaulich sind“, während andere hungern müssen, dann fällt mir nichts mehr ein, das ist einfach nur noch dekadent!“

Richtig in Rage hat sich der Professor geredet. Zur Beruhigung zeigt er mir seine Versuchsfelder. Ich erblicke wogenden Weizen in der Abendsonne, nichts, was an die Horrorszenarien des Flugblattes erinnert. „Das sollten sich die Grünkernaktivisten einmal ansehen, dann wüssten sie, dass ich im Grunde doch auf ihrer Seite bin“, sagt er versonnen.

„Alles Quatsch“ kontert Grünkern-Chefin Britta Beerensammler, mit der ich mich kurz darauf im Hauptquartier der frühzeitlichen Umweltgruppe treffe.

„Dieses Gerede von der Bekämpfung des Hungers durch Landwirtschaft! Die Menschen in den ärmeren Regionen, vor allem in Europa, können sich das Agrar-Food doch ohnehin nicht leisten! Durch uniforme Agrarpflanzen wird das Problem noch verschärft, weil die Kontrolle über die Nahrung dann in den Händen der Bauern [abfällige Bezeichnung für die Inhaber von Agrarkonzernen, die Red.] liegt. Sie zerstören die Artenvielfalt und damit die natürliche Grundlage unserer Ernährung. Niemand weiß, was passiert, wenn die landwirtschaftlich erzeugten Produkte ausbrechen und sich mit wilden Organismen vermischen!“ Wie Grünkern denn die Ausbreitung der Landwirtschaft und die Bevölkerungsexplosion verhindern will, frage ich. „Wir arbeiten an der Entwicklung neuer Konzepte, über die ich aber hier noch nicht allzu viel verraten will. Unser neues Projekt STAAT („Solidarisch-territoriale Aktion abgabenpflichtiger Teilhaber“) verspricht jedoch, ein Meilenstein bei der Entwicklung des Menschengeschlechts zu werden!“


 
 
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