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Warum ich Anarchist wurde

Eigentlich begann alles mit dem Lustigen Taschenbuch, das mir meine Großtante schenkte, als ich noch ein Kind war. Wie ein Lichtschlag traf mich damals die Aussage Onkel Dagoberts: „Warum soll man überhaupt Steuern zahlen? Das ist ungerecht!“

Ja, warum eigentlich? Das Lustige Taschenbuch gab darauf keine Antwort. Auch die Antworten, die die Erwachsenen mir gaben, befriedigten, wie üblich, nicht: „Die Steuern müssen sein, damit wir Straßen, Schulen und Krankenhäuser haben!“ Und damit wir Kaugummi und Lustige Taschenbücher haben, müssen Steuern nicht sein?

Naja. Ich wurde älter und hatte andere Probleme, z. B. dass sich bei mir im Gegensatz zu meinen gleichaltrigen Freunden nicht das kleinste Anzeichen von Bartwuchs zeigte.

Später aber wurde ich auf die Frage erneut aufmerksam, und zwar durch die überall aushängenden Plakate, die sicher jeder schon einmal gesehen hat: „Kein Bock auf Steuern? Werden Sie Anarchist! Heute noch! Viva Zapata!“

Anarchisten, das waren bärtige Typen mit Bomben, soviel wusste ich. Keiner mochte die. Aber warum nicht? Warum musste man Steuern zahlen? Ich begann erneut, mich mit dieser Frage zu beschäftigen. Inzwischen war ich natürlich auf die mündlichen Auskünfte von Laien nicht mehr angewiesen, sondern konnte mich selbstständig in die Fachliteratur zum Thema „Steuern“ einarbeiten. Ich musste allerdings feststellen, dass die Antworten sich eigentlich nicht groß von dem unterschieden, was die Erwachsenen mir als Kind erzählt hatten. Da hieß es zum Beispiel in Paul Kirchhof et al., Karlsruher Entwurf zur Reform des Einkommensteuergesetzes, 2001:

„Diese Besteuerung des Welteinkommens rechtfertigt sich darin, dass der Staat die Rechtsordnung gewährleistet und die Infrastruktur bereitstellt, die seinen Einwohnern täglich zugute kommen und ihnen eine verlässliche Grundlage für ihre Lebensgestaltung und Zukunftsplanung bieten. Zu den hierfür benötigten Mitteln soll jeder Einwohner im Rahmen seiner persönlichen Leistungsfähigkeit – seines weltweiten Einkommens – beitragen.“

Und zu Joints und Pornos nicht?
Und immer gab es überall diese Plakate: „Kein Bock auf Steuern? Werden Sie Anarchist! Heute noch! Viva Zapata!“

Ich beschloss, mich zwecks Erhellung an die Politiker zu wenden, denn die waren es ja schließlich, die die Steuern beschlossen. Ich suchte den örtlichen FDP-Vorsitzenden auf, der sich kürzlich über den „ausufernden Steuerstaat“ mokiert hatte. Ich fragte ihn: „Warum muss man eigentlich Steuern zahlen? Ist das nicht ungerecht?“ Er antwortete: „Naja, Steuern müssen schon sein, aber natürlich nicht in dieser Höhe. Vor allem muss unser Steuersystem wesentlich vereinfacht und entbü...“ –„Ja, ja,“, sagte ich, „aber warum müssen Steuern sein?“-„Dass Steuern sein müssen, bezweifelt ja gar kein vernünftiger Mensch, aber es müssen vor allem Steuern gesenkt und unser Steuersystem fit gemacht werden für die Zuk...“ – „Also, es gibt ja schon Leute, die die Notwendigkeit von Steuern bestreiten, zum Beispiel die Anarchisten, die diese ganzen Plakate kleben“ (Dagobert Duck erwähnte ich lieber nicht). „Sehen Sie, mit Anarchismus ist nun wirklich niemandem gedient in diesem Lande, was wir brauchen sind innovative Konzepte zur Reform unseres Sozialstaates, die wir jetzt energisch anpacken müssen, um auch in der Zukunft zukunftsfähig zu bleiben.“

Um es kurz zu machen: Das Gespräch mit dem FDP-Boss endete damit, dass er mit glasigen Augen vor sich hinstarrte, nicht mehr ansprechbar war, und vor sich hinmurmelte:

„Zukunftsfähig...dynamisch....Verschlankung....Reform“ usw. Ein menschliches Wrack, ein trauriger Anblick. Beim Hinausgehen glaubte ich ihn etwas wie „achtzehn Pro-zent“ sagen zu hören, aber ich hatte mich wohl verhört. Auf dem Rückweg bemerkte ich, dass in der Stadt noch mehr Plakate hinzugekommen waren: „Kein Bock auf Steuern? Werden Sie Anarchist! Heute noch! Viva Zapata!“

Diesmal sah ich auch einige der bärtigen Plakatekleber bei der Arbeit. Geschickt führten sie den Pinsel mit der Linken, während die Rechte je eine große Bombe mit brennender Lunte trug. Wieder daheim dachte ich mir, dass ein Provinzpolitiker die Sache mit den Steuern vielleicht nicht so gut erklären konnte, und beschloss, auf den politischen Informationsseiten im Internet nach Erklärungen der Politprofis zu suchen, die mich zur Erleuchtung führen könnten.

Tatsächlich verspürte ich beim Lesen eine innere Spannung in mir aufsteigen, die mich an die Spannung vor dem Orgasmus erinnerte, aber rein geistiger Natur war und immer stärker wurde, je mehr ich die unsterblichen Schriften unserer Staats- und Parteienlenker zum Thema „Steuern“ studierte. Bei der Lektüre des folgenden Zitates des luxemburgischen Ministerpräsidenten Jean Claude Juncker wurde ich von spasmischen Zuckungen ergriffen:

„Steuern müssen sein, und ich akzeptiere keine Entschuldigung dafür, dass man Steuern zahlen muss. Das ist Bürgerpflicht. Insofern ist es nicht so, dass ich für möglichst niedrige Steuern in der ganzen Breite plädieren würde.“

Welche Erregung aber ergriff mich erst, als mir die folgende Äußerung von Oskar Lafontaine zu Gesicht kam: Falls „das Kapital ein scheues Reh ist, das ein Finanzbeamter mit Steuerforderungen nicht vertreiben darf, müssen die dummen Schafe am Ende alles bezahlen.“ Der Lichtschlag, der mich in den Zustand der Erleuchtung brachte, war aber erst die folgende Aussage von Prof. Fritz Burgbacher, der von 1960–67 Bundesschatzmeister der CDU gewesen war:

„Vom Bürger wird hier nur verlangt, dass er die Politik mitfinanziert, deren Früchte er genießt, denn nur dank der Politik dieser Parteien kann er überhaupt die Steuern zahlen, aus denen auch das finanziert wird“.

„Viva Zapata!“ Unwillkürlich entrang sich dieser Ruf meiner Kehle. Die atemberaubende zirkuläre Schönheit dieser Argumentationsfigur gab mir den Rest. Schweißüberströmt und zitternd musste ich in der folgenden Nacht immer wieder dieses Zitat lesen. Schlafen konnte ich nicht und wachen noch viel weniger. Die Augen traten mir aus dem Kopf und ich fürchtete fast, wahnsinnig zu werden.

Sobald der Morgen graute, trieb’s mich auf die Straße, wo die bärtigen Bombenhalter schon eifrig plakatierten. Einen von ihnen packte ich am Bart und schrie erregt: „Wo kann man sich hier melden? Sprich!“. „Zum Rathaus, Genosse!“ – „Rathaus???“- „Ja, im Keller!“.

Im Keller des Rathauses stand schon eine Schlange bärtiger Anarchisten-Anwärter. Hinter einem Tisch stand einer der bärtigen Bombenträger, der jedem Anwärter eine Bombe mit brennender Lunte und einen schwarzen Umhang aushändigte. Jetzt trat der in der Schlange vor mir Stehende an den Tisch. „Na, Genosse,“ sprach ihn der Anarcho-Beamte an, „willst auch Anarchist werden?“- „Viva Zapata!“ schrie der Angesprochene. „Schon gut, Genosse, hier ist deine Bombe, hier ist dein Umhang. Deine Pflicht als Anarchist: Jede Nacht mit Umhang, Bombe und hämischem Grinsen – du kannst doch hämisch grinsen?“ Der Anarcho-Neuling machte ein Gesicht wie Käpt’n Hook. „Gut. – durch die Nacht schleichen und vor allen Dingen aufpassen, dass die Lunte nicht ausgeht. Viva Zapata!“ – „Viva Zapata!“ schrie der frischgebackene Anarchist, “aber… aber.. darf ich die Bombe nicht auch mal werfen?“ – „Spinnst Du? Der Anarchismus ist gewaltfrei, hat Dir das keiner erzählt? Geworfen wird nur nach dem Konsensprinzip!“ Er betonte das Wort „Konsens“ auf der ersten Silbe. Etwas enttäuscht schlich der Anarchofrischling von dannen. Jetzt war ich an der Reihe. „Viva Zapata!“ schrie ich. Der Anarchobeamte schaute mich durchdringend an: „Wo ist dein Bart?“ – „Was? Mein Bart?“ – „Ja, als Anarchist brauchst du einen Bart, hat dir das keiner erzählt?“ – „Kann ich denn keinen künstlichen Bart tragen?“ – „Auweia, womöglich noch von Nike, kommt gar nicht in die Tüte, Genosse, als Anarchist ohne Bart kannst Du höchstens Anarcha-feministin werden, oder aber ..., oder...“ – „Was, oder? Gibt es da noch eine Möglichkeit?“ – „Naja“, sagte er, die Sache war ihm offenbar etwas peinlich. „Es gibt da noch eine Möglichkeit“. Er sprach leise und blickte sich nach rechts und links um. „Du könntest Anarchokapitalist werden. Dafür brauchst du keinen Bart.“ – „Und was muss ich da machen? Auch Bomben tragen?“ – „Nein, Anarchokapitalisten tragen keine Bombe, die haben ein Schwert.“ – „Ein Schwert?“ – „Ja, aber kein gewöhnliches Schwert.“ – „Sondern?“ – „Ein Tauschwert“ – „Hä? Ein Tau-schwert?“ – „Ja, damit kämpfst Du gegen den Mehltau des Sozialismus.“

So kam es, dass ich Anarchokapitalist wurde. Jede Nacht verbringe ich nun im Cyberspace (www.freiheitsforum.de) in friedlichem Gedankenaustausch. Hier habe ich viele nette Leute kennen gelernt – keine bärtigen Bombenträger, sondern ganz normale Menschen, die das Ziel eint, unser geliebtes Heimatland ein wenig freiheitlicher zu machen.

Nur manchmal, in hellen Vollmondnächten, ergreift mich wieder diese geistige Spannung, und es entringt sich mir der Ruf:

Viva! Viva Zapata!

 

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