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neosozialist

Gesundheit per Gesetz

von Susanne Henke

Deutschland im Jahr 2014 - zehn Jahre nach Einführung des Präventionsgesetzes schreiben die Krankenkassen endlich wieder schwarze Zahlen. In ihren palastartigen Prachtbauten stehen goldene Statuen der ehemaligen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. Sie war eine der ersten, die sich traute, öffentlich auszusprechen, was viele nur heimlich dachten:

Schuld an der Misere der Sozialsysteme waren die Kranken. "Prävention muss zur nationalen Aufgabe werden!", verkündete sie und leitete damit eine der umfassendsten Gesetzesinitiativen ein. Rückenkranke sollten reduziert werden - zehn Prozent allein brächten 2,6 Milliarden Euro in die Kassen. Damit wollte man sich selbstverständlich nicht zufrieden geben. Ulla wollte volle hundert Prozent. "Bewegen Sie sich!" hieß die Parole - durch die Streichung der Fahrtkostenzuschüsse wurde hier schon einiges erreicht.

Der Anstieg der Arbeitslosigkeit sorgte vorübergehend ebenfalls für einen Rückgang der Rückenkranken, war aber durch die Beitragsausfälle eher kontraproduktiv. Da fiel Ulla eine andere Gruppe ein, die auf Kosten der Steuerzahler in Saus und Braus lebte: Auftragskiller, die sich hatten erwischen lassen und nun in den staatlichen Vollzugsanstalten fürs Nichtstun durchgefüttert wurden.

Zuerst wurden sie auf diejenigen angesetzt, die trotz Arbeitslosigkeit noch rückenkrank waren. Durch den Erfolg beflügelt, wurde die Aktion auf alle Rückenkranken und alle Arbeitslosen ausgeweitet. Der Standort Deutschland wurde wieder attraktiv: null Prozent Arbeitslosigkeit. Vor allem aber stellte Ulla die Weichen für die Zukunft und fing wie alle guten Diktatoren bei den Kindern an:

"Neben dem Elternhaus müssen Kinder schon im Kindergarten und in der Schule lernen, wie man sich richtig ernährt und sich ein leckeres und gesundes Pausenbrot zubereitet."

Gesundheit wurde Pflichtfach an allen Schulen. Die nötigen Mittel wurden durch Streichung des subversiven Geschichtsunterrichts aufgebracht. Neben der Zubereitung des leckeren Pausenbrots lernten die Kinder den richtigen Umgang mit staatsgefährdenden Elementen wie Schokoladenessern und Sportmuffeln. Für das Melden eines Schokoriegel-Fressers gab es zehn Punkte, für einen Raucher hundert. Wer bis zum Abitur 500.000 Punkte zusammen hatte, war von der Studiengebühr befreit.

Steuern und Sozialbeiträge wurden prozentual, pro Kopf und nach Gewicht erhoben. Dauerdicke kamen in Gesundheitslager und leisteten dort mit der Produktion von Seife ihren Beitrag zum Bruttosozialprodukt. Chronisch Kranke durften das Haus nur noch in speziellen Schutzanzügen verlassen. Junge Menschen trafen sich an Alten- und Pflegeheimen und tanzten fröhlich um die großen Feuer.

Nur ein kleiner Wermutstropfen fällt auf die Zehnjahresfeier des großen Gesetzes. Ulla kann nicht mehr teilnehmen. Für sie kam jede Prävention zu spät. Ein Eliteschüler, der im Dunkeln nur ihre massige Silhouette sah, erfüllte reinen Herzens seine Pflicht.

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