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Mein langer Kampf zu mir selbst

Früher oder später wäre es ja sowieso herausgekommen. Deshalb bekenne ich es lieber offen, bevor man mich noch etwa erpresst: „Ich bin Neosozialist. Und das ist gut so.“ -- Und so kam es dazu:

Als ich im Agendajahr 2010 geboren wurde, war mir der Neosozialismus keineswegs in die Wiege gelegt. Wie viele andere waren auch meine Eltern Anhänger des neuen Kanzlers Lafontaine, der den glücklosen Gerhard Schröder noch ohne die 90%ige Steuer beerbt hatte. Meine frühesten Kindheitserinnerungen sind aber eher an die Attac-Krabbelgruppe. Jedes von uns Kindern war in einem eigenen Raum untergebracht und aller Austausch zwischen uns wurde zum Wohl der Gemeinschaft durch Abzüge vom Essen besteuert.

In der Grundschule trat ich dann den Grünen Pionieren bei. Meistens ketteten wir uns vor den Zentralen amerikanischer Multis wie Coca-Cola an, um Druck für das Flaschendeckelpfand zu machen. Auch später hielt ich mich im Staatskunde-Leistungskurs von Politik fern, sieht man einmal von einer Demo 2025 gegen die Erhöhung der Rentenbeiträge auf Taschengeld ab.

Danach an der Uni konzentrierte ich mich ganz auf mein Politologiestudium und arbeite nur kurz beim AStA als Organisator von Demos gegen die G‘88 mit. Die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt für Lyriker waren leider schlecht. Deshalb belegte ich auf Anraten des gerade reformierten Arbeitsamtes ab 2045 Kurse für „Straßenkampf“, um mir eine Option als Außenminister offen zu halten.

Wie man sieht, war ich bis hierhin politisch eigentlich noch gar nicht festgelegt. Erst bei der 10. Wiederholung einer Arte-Fernsehdokumentation gegen die Globalisierung wurde mir alles klar: Wie pervers war doch diese Weltwirtschaftsordnung, die zuließ, dass Getreide ungehindert nach Südkorea strömte, während gleichzeitig die Menschen im Norden unter Kim Il Sung dem Fünften verhungerten. Andere mochten, das hinnehmen. Ich aber beschloss, Politiker zu werden ...

© Henning Helmhusen
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