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Die Folter

Selma ist von ihren Schwestern
Stets die Liebste mir gewesen,
Und zum Lohne hab' ich gestern
Ihr mein Epos vorgelesen.

Dies mein Epos hatte eben
Meinem Geiste sich entrungen,
Nie in meinem ganzen Leben
War ein Werk mir so gelungen.

Mit den Epen klass'scher Dichter
Trat es muthvoll in die Schranken,
Herrlich standen da in schlichter
Form die köstlichsten Gedanken.

Ganz von Poesie umblüthet
Schien mir jeder Vers zu ragen --
Die Bescheidenheit verbietet
Mir, noch mehr davon zu sagen.

In dem Epos war die Folter
Völlig meisterhaft geschildert,
Ohne Phrase und Gepolter,
Nicht verschärft und nicht gemildert.

In die düst're Folterkammer
Führte ich den ernsten Denker
Und ließ hören ihn den Jammer
Armer Opfer roher Henker.

Auch die Daum- und andern Schrauben,
Peitsche, Trichter, Bank und Leiter,
Span'sche Stiefeln, glüh'nde Hauben,
Eisenjungfrau u. s. w.

All' die Schauder-Instrumente,
Welche Keiner, wie natürlich,
Ohne Grauen sehen könnte,
Hab' beschrieben ich ausführlich.

Angebracht auch im Gedichte
Hab' ich, weil dies gut gewesen,
Was ich in der Weltgeschichte
Von der Folter hab' gelesen.

Also unter meinen Händen
Schwoll dies Epos an. Verwundert
Zählte ich, da ich's thät enden,
Wohl der Strophen rund vierhundert.

Und ich hab' es so geschlossen:
"Laßt uns den Allmächt'gen loben
Und ihn preisen, Zeitgenossen,
Daß die Folter aufgehoben!

"Existirte diese schwere
Geißel noch, nicht fürchterlicher
Ließ' sich denken, Niemand wäre
Seines nackten Lebens sicher."

Als ich nach zwei kurzen Stunden
Dann mein Buch hab' zugeschlagen,
Bat ich Selma, unumwunden
Ihre Meinung mir zu sagen.

Und da öffnete die schönen
Augen sie und ihre Locken
Schüttelnd sprach sie, fast in Thränen,
Halb wie träumend, halb erschrocken:

"Noch gelang's nicht, lieber Dichter,
diese Grausamkeit zu bannen,
Denn es giebt noch Bösewichter,
Die uns auf die Folter spannen.

"Nein, sie ist noch nicht verschwunden,
Heut noch wüthet sie auf Erden,
Glaube mir, ich hab's empfunden,
Was es heißt: gefoltert werden!"

Hochroth glühten ihre Wangen,
Daß ich kaum zu athmen wagte,
Sinnend bin ich fortgegangen,
Nicht begreifend, was sie sagte.

Julius Stettenheim
aus "Wippchen's Gedichte - Neue Folge" von 1894

 


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