Auch Tote haben Rechte!
Ein Interview mit Karl Gustloff

In der letzten Gustloff berichteten wir über unseren Namensgeber, Dr. Karl Gustloff (1889 – 1963). Freundlicherweise erklärte sich Dr. Gustloff daraufhin zu einem Exklusivinterview mit Gustloff bereit.

Gustloff: Herr Dr. Gustloff, viele Leser werden jetzt denken: Wie können die den Gustloff denn interviewen? Der ist doch tot!

Dr. Gustloff: Ja, das ist ein typischer Reflex von Leuten, die noch nie mit Toten zu tun hatten. Ja, ich bin tot - na und? Bin ich deswegen kein Mensch mehr? Aber die Vorurteile halten sich immer noch hartnäckig: Tote sind öffentlichkeitsscheu, mit Toten kann man nicht reden, Tote vernachlässigen ihren Körper und so weiter blabla. Ich kann es ehrlich gesagt nicht mehr hören.

Gustloff: Ja wie denn auch – Sie sind ja auch tot!

Dr. Gustloff: Wie bitte?

Gustloff: Äh… sorry!

Dr. Gustloff: Sollte das jetzt einer von diesen Totenwitzen sein?

Gustloff: Nein, nein, schon gut! Jedenfalls sind sie ja auch aktiv, was die Rechte von Toten angeht.

Dr. Gustloff: Ja, ich habe die Organisation „Dead and kicking – für die Rechte der Toten“ gegründet. Viele aus der Totenbewegung haben den Namen kritisiert, weil sie nicht gerne „tot“ genannt werden. Sie ziehen es vor, sich als „Abgelebte“ oder „Verschiedene“ zu bezeichnen, weil uns die Bezeichnung „Tote“ von den Lebenden gegeben wurde. Ursprünglich ist es ja ein herablassender Ausdruck aus Sargträgerkreisen. Ich bevorzuge jedoch eine direkte Sprache: Ich bin tot – Schluss aus! Außerdem wird durch den Ausdruck „Verschiedene“ suggeriert, wir wären irgendwie anders als andere. Aber das stimmt nicht – Tote sind Menschen wie du und ich.

Gustloff: Was wollen sie denn mit ihrer Organisation erreichen?

Dr. Gustloff: Es geht mir vor allem darum, den Toten einen Platz in der Mitte der Gesellschaft zu erkämpfen und gegen die Ghettoisierung in euphemistisch sogenannten „Friedhöfen“ anzugehen. Hier muss bei den Lebenden erst mal ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass auch Tote Rechte haben. Das Bild der meisten Lebenden von uns Toten ist ja leider durch diese unzähligen Horrorfilme geprägt worden, in denen die Toten immer die Bösen sind. Nicht viel besser ist natürlich die Verniedlichung der Toten als Gespensterchen mit weißen Bettlaken. Um hier ein stärkeres Bewusstsein bei den Lebenden zu schaffen, ist es aber auch nötig, dass die Toten selber sich nicht im Sarg verkriechen, sondern auf die Lebenden zugehen und zum Nekrolog mit ihnen bereit sind. Natürlich machen wir auch unheimlich viel zusammen, zum Beispiel Reisen zu den Wirkungsstätten berühmter Toter oder Wellnesskurse. Wer tot ist, gehört noch lange nicht zum alten Eisen!

Gustloff: Und um ihre Anliegen zu vertreten, gehen sie auch an die Schulen ...

Dr. Gustloff: Ja, die Zeiten, als wir in den Schulen nur als Anschauungsobjekte im Biologieunterricht dienten, sind endgültig vorbei! Es ist natürlich ganz wichtig, sich an die junge Generation zu wenden, die aus den Medien sonst nur das Bild von „Hui Buh dem Schlossgespenst“ vermittelt bekommt und denen ihre Eltern den Umgang mit Toten womöglich verbieten. Wenn ich höre, dass viele Eltern sich immer noch in aller Öffentlichkeit über „zu viele Tote im Nachmittagsprogramm“ beklagen, dann weiß ich, dass hier noch erheblicher Aufklärungsbedarf besteht.

Gustloff: Ist das vielleicht ein Wesenszug unserer westlichen Kultur, dass der Tote immer noch als „der böse schwarze Mann“ gilt, während andere Kulturkreise da schon weiter sind?

Dr. Gustloff: Ja, natürlich, ich verweise nur auf die amerikanischen Indianer, die Tote ganz besonders verehren und von denen heute bereits die überwiegende Mehrzahl tot ist. „Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer“ lautet das stolze Motto der indigenen Totenbewegung. In Europa dagegen gibt es leider immer noch allzu viele religiöse Fanatiker, die den Tod ganz überwinden wollen. Andererseits benennt man gerne Straßen und Plätze nach uns – das ist doch schizophren!

Gustloff: Würden Sie sagen, dass sie lieber tot als lebendig sind?

Dr. Gustloff: Ja, seit ich tot bin, gehe ich alles etwas gelassener an, und mein Freundeskreis hat sich enorm vergrößert. Dabei habe ich nichts gegen Lebende – schließlich war ich selbst mal einer von ihnen. Ich gebe auch zu, dass ich damals selbst noch Vorurteile gegenüber Toten hatte – ich habe sie schon für ein bisschen beschränkt gehalten. Was natürlich wirklich Unsinn ist, schließlich ist auch Einstein inzwischen unter den Toten! Aber die beeindruckende Zahl der Toten, die Großes geleistet haben, beeindruckt die Nekrophoben natürlich überhaupt nicht. Da heißt es dann oft: „Was für ein bedeutender Mann – schade, dass er tot ist!“ Dass solche Sprüche auf Tote unheimlich verletzend wirken müssen, wird dabei einfach nicht bedacht!

Gustloff: Zum Abschluss eine vielleicht etwas persönliche Frage: Könnten Sie sich vorstellen, mit einer Lebenden eine Beziehung einzugehen?

Dr. Gustloff: Warum nicht, Partnerschaften zwischen Lebenden und Toten sind keine Seltenheit. Natürlich wird dann sofort über „Nekrophilie“ gezischelt, aber wer sich einmal glückliche transmortale Partnerschaften ansieht, der wird eingestehen, dass gerade das Verschiedensein eine gleichgestellte Partnerschaft erst möglich macht!

Gustloff: Wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen Ihnen für Ihren weiteren Tod alles Gute!

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