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Auf der Suche nach dem Komischen

Ein Selbstversuch im Dauer-TV-Schauen und Zappen

von Bevo (Bernd Volkhardt)

Nach über zweimonatiger TV-Abstinenz habe ich mir eine ganz besondere Aufgabe gestellt. Nachdem mich die Frage umtrieb, wie es mit dem Lustigen, Ulkigen, Komischen, Närrischen, Schrägen, Sarkastischen, Zynischen, Satirischen bestellt ist in unserem Lande, wollte ich das mit dem Wiedereinstieg in die hiesige TV-Realität verbinden. Nichts leichter als das. Bier aus dem Kühlschrank geholt, Erdnüsse und Flips auf den Tisch und die Kiste einfach eingestellt. Ich hatte Glück. Es war Freitag der 1. Oktober. Freitags soll´s ja immer besonders komisch sein. 20.15 Uhr. Als erstes blieb ich beim NDR hängen. Henry Vahl - Lachen ist menschlich, ein Portrait des Volksschauspielers. Henry Vahl war wirklich ein guter Schauspieler und als Kind habe ich gerne Ohnsorg-Theater geschaut, aber der Bericht beginnt mich nach zehn Minuten zu langweilen. Zapp.

Schnell zu SAT 1.Genialdaneben – Die Comedy Arena mit Hugo Egon Balder. Nach fünf Minuten weiß ich, das halte ich nicht aus bis 21.15 Uhr. Stelle den Ton ab und lege die Blues Brothers in den CD-Player. Außerdem ist das nächste Bier fällig. Ich ahne, dass mein Vorrat an gutem tschechischen Bier heute zur Neige gehen wird. 21.15 Uhr. Immer noch SAT 1. Was guckst du?!. Stelle den Ton wieder laut. Kaya Yanar hat einen gewissen Unterhaltungswert. Ich bleibe dabei. Bier drei hilft mir dabei. Ich merke, ich werde langsam lockerer. Sah ich die Sache zuvor vielleicht etwas zu verbissen, mit dieser typischen Haltung von Intellektuellennörgelei? Sollte ich ganz unbewusst von dieser schwermütigen deutschen Befindlichkeit befallen sein? Oder fehlte mir nur das nötige Bier intus? Aber das konnte nicht sein, bin ich doch durchaus ein Befürworter der These, dass man sich sehr wohl unter seinem Niveau unterhalten dürfe. Aber sollte meines wirklich so hoch sein? Zweifel nagten an mir. Ein Wodka zum Bier sollte nun helfen. Außerdem war es schon 21.45 Uhr.

Immer noch SAT 1. Mensch Markus, eine Comedy-Reihe mit Markus Maria Profitlich. Geht ganz lustig an. Aber trotzdem, nach einer Weile: Zapp. RTL. Ohne Worte, Comedy mit Bastian Pastewka u. a. Komme ich irgendwie nicht rein. Also zurück zu SAT1. Markus hat gewisse Probleme an einer Tankstelle. Komme sofort wieder rein, der kleine Ausflug zu RTL hat mich nicht den Faden verlieren lassen. Das Bier und der Wodka auch nicht. Zapp. 22.00 Uhr. Auf NDR läuft die NDR-Talk Show, beim NDR der Riverboot-Talk. Eine halbe Stunde zappe ich zwischen diesen hin und her. Dann bleibe ich schließlich bei einer hängen. Da sitzt doch tatsächlich Bernd Zeller, der Herausgeber der (neuen) „pardon“ und ehemaliger Sketchschreiber für Harald Schmidt.

Die einstige Satire-Kult-Zeitschrift der sechziger Jahre, die mit dem Teufelchen, war wieder auferstanden. Mein libertäres Herz und meine Sympathie schlagen höher, als Zeller erzählt, dass er zunächst niemanden gefunden hatte, der ihm dieses Projekt finanzieren wollte, was ja kein Wunder wäre, da sich in Deutschland niemand was traut. Also hat er kurzerhand sein eigenes Geld zusammengekratzt und die „pardon“ wieder zum Leben erweckt. Aufmerksam, schon fast wieder nüchtern, höre ich seinen weiteren Ausführungen zu seinem Konzept und dem was er unter Satire versteht zu. Danach ist wieder jemand anderes dran in der Runde. Ich habe den Verdacht, dass das der Höhepunkt des Abends war.

Schnell weiter. Ein neues Bier und Zapp. Die Comedy-Show Schillerstraße auf SAT1 habe ich jetzt versäumt. Ohne Worte, Comedy-Show mit Bastian Pastewka auf RTL auch. Ich merke, dass ich für so ein Experiment nicht nur mehr Bier brauche sondern auch mindestens einen Fernseher mehr. Habe ich jetzt wesentliches versäumt? Wer kann mir das beantworten? Nicht weitergrübeln. Zapp. Auf RTL läuft, ich zappe mich mittenrein, 7 Tage – 7 Köpfe, mit Jochen Busse, Mike Krüger, Gaby Köster und Gastkabarettist Riechling. Mike Krüger erzählt gerade einen Witz. Es geht um die neue Rechtschreibreform. Früher war alles besser und einfacher, so wie er es in der Schule gelernt hätte. Alles was man anfassen kann muss man groß schreiben, alles andere klein.

Also: Tante Erna wärmt ihren Hintern am ofen. „Tante Erna“ groß, kann man anfassen, „wärmt ihren“, klein, kann man nicht anfassen, „Hintern“ groß, kann man anfassen, „am“, klein, kann man nicht anfassen, „ofen“ klein, kann man nicht anfassen, ist zu heiß. Jetzt war ich froh, dass ich mir genau den Höhepunkt herangezappt hatte. Zapp. BR3. Mittenrein. Kanal fatal. Sketch-Show. Das nächste Bier. Jetzt kann mich auch diese Sendung nicht mehr groß erschüttern, ich finde langsam alles komisch. Gleich im Anschluss Kabarett aus Franken – Mäc Fit – Wir schwitzen für Sie. Noch´n Wodka.

Ich befürchte wieder nüchtern zu werden. Kabarett aus Franken ist aber nur besoffen zu ertragen. Also noch´n Wodka! Zapp. 22.45 Uhr. Wieder SAT1. Sechserpack – Männer & Frauen. Sketch Comedy mit Shirin Soraja, Nina Vorbrodt, Emily Wood u. a. Die Komik der Frauen fesselt mich mehr. Überhaupt scheinen mir Frauen heutzutage die komischeren Menschen zu sein. Dabei gar nicht unfreiwillig komisch sondern professionell gewollt. Das können Männer scheinbar gar nicht mehr, von daher immer diese unfreiwillige Tragik bei ihnen. 23.15 Uhr. SAT1. Wenn Sie lachen, ist es Oschmann, Comedy-Show. Ich merke das meine Kritikfähigkeit schon lange nachgelassen hat, will mich nur noch amüsieren. Das nächste Bier und noch ein kleiner Wodka. Hat eigentlich jemand mitgezählt? Im Kühlschrank sind noch 3 Biere, soviel habe ich immerhin noch mitbekommen, beim letzten Gang. Erdnüsse und Flips sind alle.

Hunger habe ich sowieso keinen mehr. Und irgendwie bin ich froh, das mich meine Frau bei diesem Selbstversuch nicht begleitet. Sie ist heute aus. 23.45 Uhr. SAT1. Anke. Sollte ich mir das zum Schluss wirklich antun? Ich tu’s mir an! Aber nicht lange. Ihren eigenen Kalauer ernstnehmend sag ich danke Anke. Und Zapp. 0.15 Uhr. PRO7. Vampire in Brooklyn, Wes Cravens Horrorparodie läuft gerade. Immerhin besser als Anke, dank(e) Eddie Murphy. Aber auch die Vampire können mich nicht mehr so richtig wach halten. Ich beschließe die restlichen Biere mir für den morgigen Abend aufzuheben, da gibt es Spaßfernsehen nur beim RBB. Aus meiner Fernsehzeitung entnehme ich was mich erwartet: Gernsehabend „Humor und Satire“ - Berliner Kleinkunst-Festival 2004, Moderation Dieter Nuhr, Aufzeichnung aus dem Kabarett-Theater „Die Wühlmäuse“, von 20.15 Uhr bis 23.50 Uhr, nur unterbrochen von Hallervordens Spott-Highlights. Das ist zu schaffen. Und kein zappen mehr!

Ich werde trotzdem Bier nachkaufen müssen, geht nichts dran vorbei. Etwas benommen lege ich mich ins Bett. Wer zahlt mir eigentlich diesen Selbstversuch, frage ich mich noch, als der Schlüssel an der Haustür schließt. Meine Frau kommt von einem vergnügten Abend zurück. Ich bin gerade noch zu einem „wie war´s?“ fähig und bekomme die vergnügte Antwort „och, sehr schön, und bei dir“. Mein plötzlich eintretendes Schnarchen muss sie in der Ungewissheit lassen, wie es bei mir war. Morgen würde ich ihr von meinem abenteuerlichen Selbstversuch berichten und das Ganze vielleicht sogar reflektieren können.