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Weinen Zyniker? Oder Zuschauer auch?

Eine TV-Total-Revision 2004 anläßlich der Wiederkehr von Harald Schmidt

von Christian Dorn

Mit der neuen Show von Harald-Schmidt wird die Sendung Polylux künftig Richtung Mitternacht verschoben. Ob das „vielfache Licht“ da aber noch hell genug sein wird, um die dunklen Seiten des tv-medialen Geschehens einzufangen, darf allemal bezweifelt werden. Einzige Erleuchtung verspricht vielleicht noch ein Jahresrückblick, oder besser: der Wunsch nach einer umfassenden Revision, die im folgenden exemplifiziert werden soll:

Während man beim Ersten in der ersten Reihe sitzt - und bitte schön brav, um den Umgangsformen in einem Gutshaus aus dem Jahre 1900 nicht mit Ungehorsam zu begegnen -, meint man in Mainz, mit dem Zweiten besser zu sehen. Das Nachsehen hat der Zuschauer, und das Sinnvollste wäre es, wenn er dieses, getreu dem Leninschen Prinzip „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“ nicht passiv, sondern aktiv verstehen würde. Ein erster Schritt hierzu wäre zunächst ein Schritt zurück, will sagen: sich die verpaßten Chancen des Jahres zu vergegenwärigen, mit denen es möglich gewesen wäre, realistische Fernsehformate zu entwickeln:

Als unlängst die Sendung „3 nach 9“, die Urform des deutschen Talk-Fernsehens, ihr 30-jähriges Jubiläum feierte, fragte sich mancher, ob dies – angesichts von Leckmann, Entkerner und Palaver – in Ordnung sei, jetzt, da es in Wirklichkeit schon 5 nach 12 ist. Nach Worten von ZDF-Programmchef Belluth soll Johannes B.Kerner demnächst zeitgleich mit Christiansen ausgestrahlt werden (apropos: wie mißt man eigentlich diesbezügliche (Aus-)Strahlungsschäden?). In dem Fall könnte sich die Talkrunde von Sabine Christiansen endlich dem zukunftsweisenden Thema ihrer Sendung widmen: „Ist die Quote noch zu halten?“ – Wir wissen es nicht, sind aber doch einigermaßen sicher, daß Friedmann statt einer zweiten Chance eine zweite Sendung verdient gehabt hätte mit dem Titel: „Vorsicht! Der Mann mit dem Koks ist da!“

Die in ihrer Grenzwertigkeit doch zweifellos singulären Geschöpfe aus der Dschungelshow „Ich bin ein Star – mich laust der Affe!“ (o.s.ä.) hätten nach ihrer leidvollen Erfahrung sogleich eigene Dokusoaps bekommen sollen, um ihre schwer bekömmlichen Suppen vor aller Öffentlichkeit auszulöffeln. Carsten Spengemann wäre in einem Format mit dem Titel „Mein dicker, peinlicher Verlobungsring!“ wohl bestens aufgehoben gewesen. Dergleichen hätte man Carsten Speck nach seiner Aburteilung (wegen Geldbetrugs) eine Zellen-Soap auf den Leib schreiben können, welche die Aktualität des Sprichworts „Mit Speck fängt man Mäuse“ gerade für die jüngeren Zuschauer veranschaulicht hätte. Pro7-Moderator Andreas Türck, der die ihm vorgeworfene Vergewaltigung bis heute bestreitet, hätte sich unter dem Titel „Alles nur getür(c)kt!“ lammfromm mit seinen Karteikärtchen zurückmelden können. Mit Karteileichen wiederum würde wohl Tatjana Gsell arbeiten, die – anstatt ins Gefängnis zu gehen – sich pflichtschuldigst hinter die Gitterstäbe des Big Brother-Hauses begeben hatte. Das war aber alles nicht zielführend. Warum übertrug man ihr nicht die Moderation einer Reality-Show für Schwarze Witwen, in der sie den Kandidatinnen nach bestandener Prüfung den „Gsell-Brief“ überreicht?

Derweil hat es die dahinkriselnde RTL-Soap „GZSZ“ verpaßt, sich mit einer dezenten Namensänderung stärker auf die egozentrische Persönlichkeit der nachwachsenden Mädchengeneration zu fokussieren, etwa unter dem Titel: „Gute Zicken, schlechte Zicken“. Die schon etwas älteren Geschlechtsgenossinnen, nämlich von Mitte Zwanzig bis Mitte Dreißig, werden heute abend sicherlich Harald Schmidt zuschauen, um dem emotionalen Gehalt des Entertainers zu ergründen (der finanzielle bleibt ja bekanntermaßen geheim).

Untrüglicher Beleg hierfür dürfte ein Phänomen sein, das sich ein ganzes Jahr lang (!) vor der Haustür des Autors abgespielt hatte. Ein vor wenigen Tagen eröffnetes türkisches Restaurant, das den Namen „Goldener Teller“ trägt, hatte während der Sanierungsarbeiten seine Schaufenster großflächig mit Zeitungsseiten der Berliner Morgenpost verklebt, darunter ein bereits vergilbtes Harald Schmidt-Portrait, über dessen Photo die offensichtlich faszinierende Überschrift „Weinen Zyniker?“ eine besondere Anziehungskraft ausübte. Es hatte den Anschein, als würde sich hier en passant eine unverhoffte Offenbarung ereignen, denn tagtäglich sah man immer wieder von neuem junge Frauen und Mütter, die wie gebannt vor diesem Text stehenblieben, der – aufgrund der Verweildauer – offensichtlich nicht nur gelesen, sondern wohl meist auch noch meditierend reflektiert wurde. Geheime Bande schienen die vielen fremden Frauen mit dem Entertainer zu verbinden.

Fragt sich, was die Freunde und Ehemänner, würden sie ihre Freundinnen und Gattinen derart inniglich bei der Lektüre über den Emotionalgehalt eines medialen Alphamännchens beobachtet haben, gemacht hätten. Vielleicht hätten sie sich für die RTL-Show „Kämpf um Deine Frau!“ beworben. Dafür ist es jetzt zu spät, noch zumal sich die ARD, nach Worten des ZDF-Programmchefs Belluth, zu „unfreundlichen Kampfprogrammierungen“ entschlossen hat (siehe Christiansen vs. Kerner). Den Zuschauern bleibt somit am Ende nur eins: „Kämpf um dein Fernsehprogramm!“ –

Dabei sollte man seine Persönlichkeitsrechte nicht außer acht lassen, denn: wer sich total dem TV ausliefert, den fressen bekanntlich die „Raaben“.