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Nouvelle Nausée

ein Live-Blog-Versuch von Naomi Braun-Ferenczi

Am Donnerstag, den 17.03.2005, erwischte ich beim Zappen auf dem ZDF gegen 20:30 ein Konzert von André Rieu, und ich muss sagen, ich habe selten etwas widerwärtigeres sehen müssen. Wohlgemerkt: sehen nicht hören. Denn was ich da gewahren musste, empfand ich als zutiefst zuschauerbeleidigend, schlimmer noch als jene Knoppers-Werbung, bei welcher dem Zuschauer weis gemacht werden soll, dass man zufällig einen knoppernden Fahrrad-Kurier interviewt, der sich dazu herablässt, eloquent ein paar Fragen zu den Vorzügen von Knoppers zu beantworten, bevor er dann mit dem Hinweis, jetzt aber loszumüssen, von dannen radelt.

André Rieus Mannschaft nun soll den Fernseh-Gucker davon überzeugen, dass man gar nicht so steif ist wie sonstige Kammermusiker, dass man so richtig Spaß an der Sache hat. Da machen die Orchesterleute Mätzchen, springen hinter dem Rücken ihres Chefs Rieu auf und machen spontan eine kleine Polonaise oder trinken schnell einen Schluck aus der Jägermeisterflasche. Streicherinnen geraten in die Kamera und lächeln entspannt ob des Schabernacks ihrer männlichen Kollegen. Wirklich furchtbar witzig das ganze! Etwas ähnlich ekelhaftes hatte ich nur einmal vor ein paar Jahren bei einer Übertragung eines Konzerts aus der Royal Albert Hall gesehen, wo die Musiker ähnlich entspannt drauf waren.

Und jetzt, nachdem ich meinen Ekel niedergeschrieben habe, ist es 20:40. Ich gucke wieder auf den Fernseher und sehe, wie Rieu immer noch wie ein debiler Buddha grinsend streicht, während ein paar pseudo-durchgeknallte Zuschauer Ballons steigen lassen und vereinzelt ein paar ältere Paare sich zum Tanze erhoben haben. Die sind ja so was von total locker, ganz anders als bei einem normalen klassischen Konzert! Meine Schmerzgrenze ist erreicht, zu mehr Rieu reicht mein Masochismus nicht. Schnell das hier abspeichern und weiterzappen!

A propos misslungene Werbung: Heute morgen sah ich zum ersten Mal seit Jahren das Frühstückfernsehen von ARD und ZDF. Eingeleitet wird das ganze, gesponsort von Postbank oder Tchibo oder was weiß ich, durch einen Spot, auf dem zuerst ein Hahn mit einem Fußball zu sehen ist. Innerlich ist man also ganz auf Hähnchen eingestellt und sieht dann, wie ein nackter braunrosafarbener Chicken Wing in ein Glas Milch getaucht wird. Na ja, was sich die crazy Werbeleute so alles einfallen lassen. Aber erst jetzt, nach dem unvergesslichen Abend mit André Rieu, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Das war kein Chicken Wing gewesen, sondern ein Croissant!