kroatien
Pay TV:



Free TV:


fernsehen
Feuilleton

Zur TV-Hauptseite

 

kultur

presseagentur

science fiction

lesben

liebe

europa

verschwörung

werbung

webzeitung

zeitung

 

Fressen, Ficken, Fernsehen – das wäre ja schon mal ein Anfang

von Timo Rieg

Die einen tragen es als letzte trotzige Forderung auf dem T-Shirt (fälschlich meist als Tätigkeitsprotokoll gelesen), die anderen meinen, sozialpsychiatrisch eine gewisse Dumpfheit in unserem Volk auszumachen, wenn das Leben auf die Formel zu bringen ist: Fressen, Ficken, Fernsehen.

Es steht außer Frage, dass wir nur diesen 3 F unseren modernen Evolutionserfolg verdanken, wobei „Fernsehen“ für jede Art von Müßiggang stehen darf. Nur ordentliches Futter – genauer gesagt: unsere Fähigkeit, es zu bekommen und zu verarbeiten – hat unser Hirn wachsen lassen und dank unserer Potenz und ihres Zins bringenden Einsatzes wird unsere Vagilität von keiner anderen Spezies bestritten - wir sind die Kosmopoliten.

Doch wo stehen wir heute, nach 55 Jahren bundesrepublikanischer Politiker-Oligarchie? Anstatt uns einer kulturellen und intellektuellen Weiterentwicklung zu erfreuen, klappen selbst die Basics nicht mehr. Nix Fressen, nix Ficken, nix Fernsehen.

Na klar, im Sinne des reinen Lebenserhalts ernähren wir uns irgendwie, pimpern einmal erfolgreich zur Zeugung des Stammhalters und regeln den Rest unseres Daseins nicht mit Aspirin, Psychotherapeut und Masturbation, sondern mit dem Sex-und-Pizza-Telefon. Das ist das formidable Ergebnis unserer Politiker Wirken. Mehr Spaß ist derzeit nicht drin.

Fressen klingt zwar recht vulgär, doch der bezeichnete Akt wird gemeinhin als sehr lustvoll empfunden. Wenn es eben so richtig schmeckt, ohne etepetete. Doch wo, bitte, soll man mal so richtig völlern, außer bei Muttern? 100 Euro Belohnung für denjenigen, der mir im angeblichen Hoch-Fritten-Ruhrgebiet eine Pommesbude zeigt, die gleichzeitig Pommes und ein erträgliches Jägerschnitzel machen kann - und dieses seltene Glück dann nicht mit einer Salatmayonnaise zerstört, sondern mit Fritessaus krönt. 1.000 Euro Belohnung für denjenigen, der mir eine Tiefkühlpizza bringt, die annähernd so schmeckt, als sei ein gut gegangener Weizenmehlhefeteig mit Büffelmozarella und Tomaten überbacken worden. Die Wetten lassen sich ausbauen: Gibt es in Deutschland auch nur ein Fertiggericht, das essbar ist? Nicht im Sinne von physiologisch verwertbar, sondern einfach so, dass man gerne reinhauen möchte? Das meiste, was wir aus Dosen oder gefrorenen Pappschachteln hervor holen, müsste unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fallen. Die Diskrepanz zwischen lebensmittelgutumhüllendem Werbebild und erhitztem Selbst nennt der Unkundige Betrug, doch in Deutschland ist selbst die flächendeckende Zeichnung eines Bauernhofs mit fünf pickenden Hühnern auf der ihn umgebenden Wiese auf der „Verkaufsverpackung“ eines sechsstöckigen „Legebatteriebetriebs“ keine Irreführung der „Verbraucher“.

Das Nahrungsmittel-Kartell von Nestlé und Unilever hat unsere Geschmacksknospen soweit stumpf gefoltert, dass sicherheitshalber Katzenfutterdosen mit dem Deckelaufdruck „Tiernahrung“ versehen werden. Es gibt keinen „Sahnehering“ mehr ohne Süßstoffe, keine nicht-pasteurisierte Milch. Von Flensburg bis Garmisch-Patenkirchen bieten die Supermärkte den gleichen Käse, die gleiche Wurst und die gleichen Zypern-Kartoffeln feil. Das alles fällt kaum auf, da heute ohnehin kein Mädel mehr über die Miracoli-Küchen-Stufe hinauswächst und sich Jungs aus Prinzip in Küchen nur als Chefköche bewegen, womit in der großen Mehrzahl der Singel-Haushalte selbst eine Ravioli-Erwärmung zum Desaster wird.

„Politik ist die Kunst des Machbaren“ – heißt es, aber was ist machbar? Die CDU zum Beispiel lässt sich in ihrem Grundsatzprogramm zur „Verbraucherpolitik“ zwar über Kennzeichnungspflichten, private Altersvorsorge, Anlegerschutz, Wohnungsbau und Dosenpfand aus, aber zur Ernährung fällt ihr nicht mehr ein als dieses: „Ernährung, Bewegung und Freizeitgestaltung müssen wieder zu einer gesunden Lebensführung zusammengeführt werden.“ Machbar erscheint der christlichen Politik dabei wie immer das Wort: „Eigenverantwortlich konsumierende Verbraucher müssen sich informieren können.“

Im deutlich älteren Grundsatzprogramm der SPD findet sich – natürlich! – ein Kampfaufruf: „Wir stellen uns den Gefährdungen unserer Zeit. Ohne uns von mächtigen Interessengruppen einschüchtern zu lassen, suchen wir den Dialog mit den Menschen, die sich mit uns an das Umsteuern, Planen und Gestalten heranwagen.“ Fressen kommt leider gar nicht vor, einmal spricht das 60-Seiten-Programm vom Recht auf ausreichende Ernährung, einmal vom Ernährungsmangel in der Dritten Welt. Von einer Reform des Erbseneintopfs keine Spur.

Was unsere Politiker dafür können, wenn es mir nicht schmeckt? Alles, natürlich! Sie verbieten zwar in Sorge um unser Wohl, dass Papa mittags im Kindergarten etwas zu essen macht, und sie zwingen die Eltern, ihre Kinder aus solchen somit küchenlosen Kindergärten mittags abzuholen, da eine gute Mahlzeit für Wachstum und Blüte des deutschen Volkes unerlässlich ist. Und doch haben sie mit ihren abertausenden von Gesetzen, mit ihren Richtlinien, ihren kommunalen Bebauungsplänen, Erschließungen und weiß der Kuckuck was allem dafür gesorgt, dass wir unser Mittagessen im ALDI suchen, jenem Tüten- und Dosen-Imperium, das durch geniales Marketing vielen als Robin Hood erscheint, der die Volksmassen speist, in Wahrheit jedoch ihre Gründer und Eigner Karl und Theo Albrecht zu den reichsten Männer dieser Erde gemacht hat.

Es sind nicht die großen mächtigen Konzerne, die uns nun genmanipulierte Pflanzen und Tiere auf den Herd bringen – zunächst schleichend, aber mit gnadenloser Gewissheit -, es sind unsere pimpfigen Politiker! Dass wir im 21. Jahrhundert zwar Menschen im Orbit kreisen lassen, um die Lottozahlen des nächsten Jahres zu ermitteln oder andere heilbringende Forschung zu treiben, es aber nicht mal mehr möglich ist, ein ordentliches Schnitzel mit ordentlichen Kartoffeln auf den Teller zu bekommen, haben wir wie fast allen anderen Schlamassel ihnen zu verdanken. Oder glaubt irgendwer, dass beispielsweise unsere heutige Industriefertigung von Schweinen (der eine besamt, der nächste mästet, irgendwo wird geschlachtet, aufgekauft, verteilt – und das alles quer durch Europa) sei nur das Ergebnis eines freien Marktes? Natürlich ist dies das Ergebnis der Politik, die uns ein Bußgeld aufbrummt, wenn der Hund im Sommer im warmen Auto hockt, aber alle Abartigkeiten in der Nutztier-Branche mit unseren Steuern subventioniert. Was Baugrund für Großmärkte und Supermarkt-Ketten kosten, wie weit die immensen Schäden durch LKW-Transporte von uns getragen werden müssen, ob ein Metzger noch selber schlachten darf oder auf den EU-Schlachthof in Pusemuckel angewiesen ist – all das haben unsere Politiker festgelegt, und nur deshalb schmeckt das Mittagessen nicht mehr, zumal wenn man über der Ladeluke auch noch BSE-freies Hirn hat.

Wenn Politiker schon am essenziellsten Thema scheitern – was soll dabei herauskommen, wenn sie sich um Atomwaffensperrverträge, Zentralabitur oder Staatsopern kümmern?

Wir können es daher kurz machen beim nächsten „F“: Fernsehen. Auch wenn Forscher wissen, dass wir derzeit täglich 203 Minuten vor der Glotze hängen, wird es niemand als Genuss bezeichnen. Wer in „Vera am Mittag“ gerät oder „Oliver Geissen“ erträgt, muss sich fragen, auf welcher Seite der Mattscheibe der Zustand psychopatischer ist. Wer sich Dinger wie „Für alle Fälle Stefanie“ oder „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ antut, ist – wirklich eine ganz arme Sau. Noch erdulden wir diese. Doch irgendwann werden die Sicherungen knallen.

Warum auch dies ein Ergebnis unserer Politiker ist? Sie verbraten allein für das Staatsfernsehen 6,8 Milliarden Euro GEZ-Steuer jährlich! Mit ihren Landesrundfunkgesetzen, Jugendschutzgesetzen, Werbezeitbestimmungen, FSK-Pflichten und der üppigen Filmförderung bringen sie nichts Besseres zustande. Und weil keine Politikerleistung zu blöde sein kann, als dass sie anderen Politikern nicht als Vorlage für weitere Geistesblitze dienen könnte, fordern Günter Nooke (CDU) und Jan Dittrich (Vorsi Julis) im Sommer die GEZ-Gebühren zu senken, weil selbst für den ja selten fernsehenden weil ständig fernsendenden Politiker in der warmen Jahreszeit zu viel Schrott von den öffentlich-rechtlichen Anstalten ausstrahlt. Heben wir also den Anspruch ein klein wenig, indem wir Sabine Christiansen nicht für ein Leitmedium, sondern für unerträglich halten (was freilich nicht ihr Verdienst, sondern der ihrer Gäste ist), bleibt auch zu den übrigen Jahreszeiten nichts, was wir nicht schon auf Video mitgeschnitten oder als DVD gekauft hätten.

Wenn Fernsehen nur nichts wäre – gut, es bliebe ja noch ein F. Doch stattdessen sabotieren unsere Fernsehaufsichtsräte aus der Politik auch noch höchst erfolgreich jeden Spaß am Ficken. Da führen Soap-Youngster Dialoge über ihre koitale Hypotrophie, die jedes Wort der zuschauenden Ehepartner überflüssig machen. Da vögeln dermaßen adrette Leidenschaften miteinander so kunstvoll, lüstern & gewaltig, dass unsereiner sich lieber nur noch im Dunkeln umzieht und hofft, der Partner möge tief schlafen oder noch mit seiner Fertigpizza-Verdauung hinreichend beschäftigt sein.

Der Trend geht daher ganz klar in der Kohorte des sexuellen Aktivpotenzials hin zum fernsehfreien Haushalt. Fußball wird als psychosoziales Experiment gemeinsam bei Freunden oder – ganz krass – mit wildfremden Menschen in einer Kneipe oder auf dem Marktplatz geschaut – und ansonsten gibt es eben keine digitalen Störbilder - vor der Glotze mit GfK-Messgerät bleibt liegen, wer nicht mehr aufstehen kann.

Doch auch damit kommen die meisten nicht wirklich zum Zuge. Wer eine Steuererklärung vor oder hinter sich hat, braucht keinen Kopulationspartner über oder unter sich, sondern einen Boxsack und ein Kind, das noch mal Bier vonner Bude holt. Da in diesem wahnsinnig reichen Land in immer mehr (der immer weniger) Familien beide Eltern anschaffen müssen, ist es auch mit dem Timing ein echtes Problem.

Fressen, Ficken, Fernsehen – liebe Politiker, wenn ihr uns wenigstens das zugestehen würdet, wäre euer Job eventuell noch zu retten. So aber erinnern wir uns einer alten demokratischen Tugend. 10 Jahre Verbannung gab es da für jeden Taugenichts aus der Politik. Na denn: Ablegen nach Helgoland.


Aus dem Buch von Timo Rieg:
Verbannung nach Helgoland – Reich & glücklich ohne Politiker
ISBN 3-928781-11-1, 320 Seiten Hardcover, EUR 13,50
Weitere Infos und das Buch als pdf gibt es unter www.unwaehlbar.de