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Da war doch noch was

René Träder

Vom 9. Juni bis 9. Juli lebten die Deutschen unter der weiß-schwarzen Käseglocke Fußball - jetzt, nachdem die letzten Fahnen aus dem Stadtbild verschwunden sind und sich auch der Restalkohol verflüchtigt hat, fragen wir uns: was ist in diesem Monat eigentlich noch alles passiert, was in der Sportschau nicht gemeldet wurde?

Die Nacht zum 26. Juni war eine heiße Nacht. Am Tage hatten viele Fußballfans noch beim "public-viewing" geschwitzt - ein Wort, das es erst seit der WM gibt und nichts weiter als "wir-stehen-draussen-in-der-prallen- Sonne-saufen-Bier-bis-zum-Umkippen-baggern-was- das-Zeug-hält-und-starren-nebenbei-noch- grölend-auf-Großbildleinwände" bedeutet - und bis zum frühen Morgen feierten England und Portugal den Einzug ins Viertelfinale. Irgendwann genau dazwischen ertönte in Bayern ein lauter Schuss und damit war es für Bruno, den Braunbären, der uns so viele schöne Zeitungsüberschriften und Fernsehstunden beschert hat, aus. Armer Bruno! Die Meldungen gingen dann aber erst mal so richtig weiter. Auch zu Recht: denn Deutschland war schockiert - nachdem uns Bruno über Wochen begleitet hat, war er uns schon so ans Herz gewachsen, dass die Nachricht von seinem Tod wirkte, als habe man Goofy kaltblütig von hinten erlegt – oder noch schlimmer: das WM-Maskottchen Goleo. Aber malen wir mal nicht den Teufel an die Wand.

Türschützer gingen auf die Barrikaden, Rücktrittaufforderungen an Bayerns Umweltminister Werner Schnappauf, der Bruno zum Abschuss freigab, wurden laut und es hagelte Strafanzeigen - selbst Morddrohungen gegen ihn und die Schützen soll es gegeben haben. Dabei war Bruno doch so lieb. Na gut, er hat ein paar Schafe und Hühner gerissen; aber er wollte doch sicher nur spielen. Schließlich lebt man einsam; so als erster und einziger freier Bär seit 170 Jahren im deutschen Wald.

Eigentlich wollte man ihn ja auch gar nicht abschießen - der Plan war, ihn einzufangen. Deshalb ließ man extra finnische Suchhunde einfliegen, die aber wegen der Hitze immer wieder Brunos Spur verloren haben. Kurios, dass einer der Hunde bei der Suche selbst verloren ging. Leider hat keiner der Reporter darüber berichtet, was für Tiere als nächstes eingeflogen wurden, um den finnischen Suchhund zu suchen. Vielleicht japanische Nackt-Kätzchen?

Bruno lebt aber weiter - zumindest in unseren Herzen. Pilger können Bruno bald auch besichtigen. Er wird nämlich ausgestopft in ein Museum kommen - ein Bäroleum. Na, das ist doch was - vor allem auch für die Zeit bis zur nächsten WM. Und einen Bruno in Kleinformat fürs Kinderzimmer soll es auch bald geben; von der Kuscheltierfirma Steiff.

Mindestens genauso viel Ruhm ist dem dickeren Bruder von Bruno - Ottfried Fischer - zuteil geworden. Abwechselnd waren beide auf der Bild-Titelseite und zeigten Bauch. Der arme Otti war in einem Krankenhausbett zu sehen; aber nicht etwa, weil er versehentlich angeschossen wurde, sondern weil er mit einem hübschen Ex-Bezahlmädchen rummachte, das ihn liebt. Das allein kann bei Männern ab 50 schon mal zu einem Zusammenbruch führen - bei unserem Otti gab es aber noch seine Ehefrau, die er plötzlich wieder zurück haben wollte. Ja, zu Hause schmeckt's halt doch am Besten.

À propos Fischer und Bär: das Alphatier der Grünen - Joschka Fischer hat sich pünktlich zum Viertelfinale offiziell aus der Politik verabschiedet. Jetzt geht’s als Gastprofessor an die US-Uni Princeton. Mit brüchiger Stimme - und ganz ohne Steine, faule Eier und Farbbeutel - dankte er seiner Partei, den Menschen und sogar den Journalisten, die er schon jetzt ein bisschen vermisst. Aber als Privatmann lebt man eben ohne Blitzlichtgewitter - normalerweise auch ohne Diäten, aber zu viel Gleichmacherei würde Deutschland auch nicht weiter bringen. Immerhin dürfen wir uns freuen, dass wir in einem WM-Land leben, dem es so gut geht. Schließlich kommt unsere Kanzlerin im EU-Vergleich auf Platz 2 bei den Gehältern der Staatschefs. 261.500 Euro bekommt sie pro Jahr. Davon könnte man knapp 760 Hartz 4-Beträge bezahlen - obwohl hier eher der Begriff Diäten oder noch besser: Zwangs-Diäten angebracht wäre.

Dass die Arbeitsmarktreform aber nicht das bringt, was sie sollte, ist mittlerweile auch dem Ombudsrat, also der Behörde, die sich mit den Beschwerden befasst, aufgefallen. Sie verlangt Änderungen.

Änderungen soll es übrigens auch im Gesundheitswesen geben. Die Große Koalition hat sich in der Halbzeit immer mal wieder an einen Tisch gesetzt und besprochen, was anders gemacht werden kann. Raus kam ein neues Finanzierungskonzept: nämlich über Steuern. Na, wer hätte das gedacht. Aber niemand braucht Angst haben, denn Frau Merkel sagte sofort, dass die Regierung sparsam mit unserem Geld umgehen will. Na, das hört man doch gern.

Wobei ja eh keiner mehr zum Arzt geht: entweder weil man die Praxisgebühr nicht bezahlen will oder weil man vor verschlossenen Türen steht. Denn die Ärzte streiken ja andauernd. Wofür? Natürlich mehr Geld. Ach ja: und weniger Papierkram. Sie sagen, sie hätten dann mehr Zeit, um die WM-Spiele zu ... äh ... mehr Zeit für die Patienten!

Ja ja... Zeit ist Geld. So auch für die Beschäftigten von VW. Der Konzern freut sich nämlich, dass schon viele Mitarbeiter freiwillig gehen und dafür lächelnd eine nette Abfindung kassieren. Im Schnitt sind das 150.000 Euro; bei Schnellentschlossenen sogar noch mal 50.000 Euro mehr - am Ende sind das ja fast so viel wie Frau Merkel bekommt. Einmal ein Kanzlerinnengehalt haben, kann Dank VW wahr werden - das Volksgehalt; wie schön! Da freut man sich doch, wenn man nicht bei Allianz arbeitet, denn der Konzern hat angekündigt, 7500 Stellen einfach so zu streichen. (Dummerweise nützt so viel Freizeit ganz ohne WM Null – dann doch lieber arbeiten gehen, als die Wiederholung von Vera am Mittag gucken müssen.)

Trotz dieser Nachrichten wollen die Deutschen aber ihr Geld unter die Leute schmeißen, wie schon seit 25 Jahren nicht mehr. Das hat ein Marktforschungsinstitut herausgefunden. Die Experten sagen, dass uns die WM beflügelt und wir uns vor der höheren Mehrwertsteuer fürchten, die bald kommt. Der Einzelhandel merkt davon aber nichts. Auch wenn viele Geschäfte extra lange Öffnungszeiten hatten, wurde nicht so viel gekauft, wie gehofft. An dieser Stelle ein Appell an alle Langzeitarbeitslosen, ehemaligen VW-Beschäftigten und Kanzlerinnen dieser Welt: bitte geht auch nach 20 Uhr shoppen, wenn’s mal wieder geht! Aber bloß nicht zu Lidl! Es kam nämlich ein Schwarzbuch heraus, in dem steht, wie schlecht die Mitarbeiter dort behandelt werden. Besonders schlimm soll es wohl im Ausland sein. Da dürfen sie während der Arbeitszeit nicht mal aufs Klo - außer sie sind Frauen und menstruieren gerade. Dann müssen sie aber auch ein rotes Stirnband tragen. Also: alles Schikane und hat nichts mit der WM zu tun!

Wie hätte sich wohl Jan Ullrich über den Urinbeutel einer polnischen Lidl-Verkäuferin gefreut – da wäre sicher nichts entdeckt worden und er hätte radeln können; so wurde er aber für die Tour de France gesperrt. Aber wer interessiert sich auch schon für Fahrrad, wenn er Fußball haben kann?! Was waren die Deutschen außer sich! Die Fan-Meile wurde zur Flenn-Meile: gestandene Männer ließen seit Jahren wieder Gefühle zu und heulten, wie kleine Kinder, denen ihr Keks weggenommen wird.

Als die Deutsche Elf Argentinien 4 zu 2 schlug und Torsten Frings einen argentinischen Spieler, rast ein Verrückter in die Berliner Fanmeile und verletzt mehrere Menschen. Glücklicherweise ist dabei nicht mehr passiert. So ein Auto ist aber auch um Längen robuster als beispielsweise die Discovery. An der amerikanischen Raumfähre sind schon vor dem Start Schaumstoffteile des Außentanks abgebrochen, was nicht ungefährlich ist – denken wir an die Columbia.
Aber zurück zu Lidl: genauso herzlos wie die Chefs dort, ist auch eine Frau in Großbritannien: Joanne K. Rowling - die Mutti von Harry Potter. Sie hat jetzt schon mal bekannt gegeben, dass in ihrem nächsten Buch gleich zwei zentrale Figuren sterben werden. Aber bitte, bitte nicht Harry! Liebe Frau Rowling, wäre es nicht viel schöner, wenn in Hogwarts plötzlich ein kuscheliger Braunbär mit Stirnband auftaucht, den alle Kinder so lieben, dass sie auch keine Scheu haben - nur weil er ein bisschen Schafblut aus dem Mund laufen hat. Na ja, und dann kommt der fiese Zauberlehrer Schnappauf in seinem VW angerast und macht "hex-hex" und alles ist vorbei.

Ach ja: was machen Fußball-Fans eigentlich wenn das Spiel vorbei ist? Poppen natürlich! Deshalb liebe Bundesregierung war es auch völlig schwachsinnig, das Elterngeld zu erhöhen, um uns zu überzeugen, mehr Kinder in die Welt zu setzen. Macht lieber etwas öfter mal eine Weltmeisterschaft und mit Deutschland geht es wieder bergauf.