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Lieber Eiter als Penicillin

Ein Erlebnisbericht von Henning Helmhusen

Ich war gerade im Begriff, mich in den samstäglichen Kaufrausch einer überfüllten Fußgängerzone zu stürzen, als mich das junge Mädchen hinter dem Infotisch ansprach:

"Haben Sie einen Moment Zeit?"

"Ja," antwortete ich: "Einundzwanzig, zweiundzwanzig -- nur leider jetzt nicht mehr."

"Es ist sehr wichtig!"

Irgendwie roch der ganze Stand sonderbar. Aber die junge Dame schien wirklich ein intensiv gefühltes Anliegen zu haben, wie die beginnenden Tränen in ihren Augen verrieten.

"Gut. Aber machen Sie schnell."

"Also was würden Sie sagen", begann sie mit zittriger Stimme: "wenn Sie um sich nicht Haut, sondern eine Wand hätten, die sie schützt und ohne die sie elend verbluten müssten. Und dann tut Ihnen jemand Chemie ins Essen. Und wenn Sie Ihre Wand reparieren wollen. Oder Sie möchten eine Familie gründen und sich dazu in der Mitte teilen. Und dazu müssen sie auch für Ihr Kind eine Wand bauen. Dann führt die Chemie dazu, dass Sie das nicht können und sterben müssen. Fänden Sie das nicht auch sehr unmenschlich?"

Ich war etwas perplex und musste einräumen, dass ich mir diese Frage noch nie gestellt hatte.

"Sehen Sie", fuhr sie fort: "Sie sind also auch darüber empört. Wenn man sowas mit uns Menschen machen würde, dann gäbe es einen Aufschrei. Aber für unsere Mitgeschöpfe die Bakterien ist das das tägliche Brot - oder besser gesagt das tägliche Penicillin. Und das alles nur, damit die Pharma-Multis immer mehr Profite machen können."

Ich war immer noch nicht ganz so beeindruckt, wie sie vielleicht gehofft hatte. Sie versuchte es deshalb nun noch einmal eindringlicher:

"Oder stellen Sie sich vor, die Amis hätten Sie mit Ihren Kindern und Freunden in eine Bombe gesperrt, damit die Russen nicht kommen. Irgendwann ist aber der kalte Krieg vorbei, und die Amis wollen mit Abrüstung glänzen. Anstatt Sie endlich freizulassen und Ihnen für Ihre Verdienste einen Orden zu geben, wollen die Sie jetzt verbrennen. Ist das nicht abscheulich?"

"Aber Bakterien verursachen Krankheiten", gab ich zu bedenken.

Auf diesen Einwand war meine Gesprächspartnerin gefasst. Das alles sei eine Legende, die interessierte Kreise in die Welt gesetzt hätten. Selbst Bakteriologen räumten mittlerweile ein, dass Viren weitaus häufiger den Menschen schädigten. Und genau genommen, gebe es gar keine Beweise, dass Bakterien wirklich zu Erkrankungen führten. Der Vorgang sei noch nie lückenlos dokumentiert worden. Ganz im Gegenteil:

"Wir können viel von den Bakterien lernen. Zum Beispiel, wie man im Einklang mit der Natur leben kann. Sie machen keinen Müll. Sie haben ein uralte Kultur schon seit Milliarden Jahren. Jeder hat genug zu essen, und alle Bakterien sind völlig gleich. Es gibt auch praktisch keine Diskriminierung unter ihnen, besonders nicht gegen Frauen, weil sie asexuell sind und die Kinder durch Zellteilung zur Welt kommen."

Dazu lächelte sie mich fordernd mit ihrer Reihe von verfaulten Zähnen an. Und ich konnte verstehen, wieso sie ihre Hoffnungen eher auf die ungeschlechtliche Vermehrung konzentrierte.

"Ich muss jetzt wirklich weiter", entschuldigte ich mich.

"Aber nehmen Sie doch wenigstens etwas von unserem Infomaterial mit!"

Sie drückte mir eine Broschüre "Körperpflege, der tägliche Holocaust" in die Hand.

"Und vergessen Sie nicht für uns zu spenden. 'People for the Ethical Treatment of Bacteria' kann jede Unterstützung gebrauchen!"


 

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